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Nr. 43

Anekdota: Zwei Jubiläen + zwei Konstrukteure = ein Gedanke: Das Fahrrad

Alexandra Wieser | Universitätsarchiv
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Zeichnung zum Privileg einer Gesundheits- und Unterhaltungsmaschine, Anton Burg & Sohn, Priv.Reg.Nr. 1002 (12.07.1824)

2017 feiert das Fahrrad seinen 200. Geburtstag, einer der Konstrukteure seinen 250.

Ein schnelles Fahr- und Transportmittel von A nach B, bequem und gut für die Gesundheit – so wurde ein heute allerorts bekanntes Fortbewegungsmittel bereits vor 200 Jahren angepriesen. Die Bezeichnung „Fahrrad“ war zu dieser Zeit allerdings noch unbekannt.

Was später unter der Bezeichnung „Fahrrad“ bekannt wurde, verbindet man in erster Linie mit Karl Freiherrn von Drais (1785 – 1851), einem aus Karlsruhe stammenden Oberforstmeister. Er hatte 1817 neben zahlreichen weiteren Erfindungen auch eine Laufmaschine entwickelt; erste Überlegungen gehen bereits auf das Jahr 1813 zurück. Um sein Produkt – von ihm selbst Draisine genannt – möglichst gut verkaufen zu können, schaltete er Zeitungsinserate und veranstaltete öffentliche Vorführungen sowie zahlreiche Probefahrten. Bereits 1818 war eine Broschüre auf dem Markt, in der Funktion und Verwendung seiner Erfindung detailgenau beschrieben wurden – mit der Folge, dass die Maschine vielerorts einfach nachgebaut wurde. Um dies zu unterbinden, versuchte von Drais, sein Werk durch ein Erfindungsprivileg schützen zu lassen und suchte in mehreren Ländern Europas darum an. Am 12. Jänner 1818 erhielt er ein Privileg für sein Laufrad – die Erfindung war forthin geschützt, jedoch nur für den deutschen Landkreis Baden.

In Wien reichte von Drais schon im November 1817 bei der k. k. Kommerzhofkommission seine Erfindung ein, um sie für die gesamte Habsburgermonarchie schützen zu lassen. Die Gutachter, die von der Kommission zurate gezogen wurden, hatten die formale Vollständigkeit der Einreichung, Gesetzeskonformität sowie die Unbedenklichkeit hinsichtlich der öffentlichen Sicherheit zu beurteilen, und waren allesamt Professoren am k. k. polytechnischen Institut. Trotz wohlwollenden Gutachtens des Professors für Maschinenlehre Johann Arzberger der diese Erfindung zu beurteilen hatte, wurde das Privileg nicht erteilt. Der Mechanismus sei „weder im Ganzen noch in […] einzelnen Teilen“ neu, lediglich „die Art der Anordnung der zu Grunde liegenden mechanischen Vorrichtung“, diese sei aber auch vorrangig von der Geschicklichkeit des jeweiligen Fahrers abhängig und nicht so sehr vom Gerät selbst. Es waren aber auch wirtschaftliche Gründe, die dagegensprachen. Eine Erteilung des Privilegs konnte „als eine Taxentrichtung an einen Ausländer für im Inlande frey gestattete Versuche angesehen werden“ – so die Begründung im Akt Nr. 272 der niederösterreichischen Landesregierung, der am 22. April 1818 zur Kenntnisnahme ans k. k. polytechnische Institut ging.

Etwa zur gleichen Zeit und unweit der heutigen TU Wien konnten Interessierte bereits selbst auf der neuartigen Maschine ihre Runden drehen. Der Tischler und Maschinenbauer Anton Burg (1767 – 1849) war auf das Laufrad von Drais möglicherweise durch eines der zahlreichen Zeitungsinserate aufmerksam geworden und hatte beschlossen, dieses nachzubauen. Bereits 1818 bewarb er sein Produkt in der Wiener Zeitung und bot regelmäßig Vorführungen im Hinterhof seiner Werkstätte an, wo man auch gegen Gebühr selbst Probefahren konnte. Bei Gefallen waren die Erzeugnisse natürlich käuflich zu erwerben: zwischen 65 und 100 Gulden Wiener Währung pro Stück. Im Vergleich: für 1 Gulden bekam man etwa 1,2 kg Rindfleisch.

Anton Burg, der ursprünglich aus der Kurpfalz stammte, lebte seit 1790 in Wien und hatte seit 1798 seine Werkstatt auf der Wieden. Vorrangig war der „k. k. privilegierte Lederwerkzeuge und Maschinen Fabrikant“ auf landwirtschaftliche Geräte spezialisiert. Er reparierte sie, erzeugte aber auch neue und adaptierte herkömmliche Modelle. Die Konstruktion von Laufrädern war also nur ein „Nebengeschäft“, trotzdem produzierte er in den folgenden Jahren zahlreiche unterschiedliche Varianten.

1824 erhielt er gemeinsam mit Anton jun., seinem Sohn und Mitarbeiter, ein Privileg für ein selbst entwickeltes Laufrad. Hatte von Drais seine Erfindung vorrangig als kostengünstige Alternative zum Pferd vorgesehen, also zum Transport schwerer Lasten bzw. als Fortbewegungsmittel, war der Zweck des nicht unähnlichen Gefährts von Vater und Sohn Burg nun ein völlig anderer – der Gegenstand des eingereichten Privilegs war nun eine „Gesundheits- und Unterhaltungsmaschine“. Das Burg´sche Laufrad hatte – im Gegensatz zur Original-Draisine – drei Räder, zwei vorne und eines hinten; weitere Vorzüge waren „ein Polster, damit der Unterleib beym Gebrauch der Maschine nicht im mindesten eschafirt werde“ sowie ein bequemer Sitz mit Federung.

So konstruierte Burg den Vorläufer des heutigen Fahrrades nach der Idee von Drais – ein Objekt, das 1818 in Wien von so manchem skeptisch beäugt wurde – heute aber aus der Stadt nicht mehr wegzudenken ist.

Übrigens: Anton Burg hatte noch einen zweiten Sohn, Adam. Dieser trat nicht in die väterliche Firma ein, sondern ging ans k. k. polytechnische Institut, wo er Professor für Maschinenlehre wurde, in direkter Nachfolge von Johann Arzberger. Aber das wäre wieder eine neue Geschichte.

Bild: © Thomas Györik, TU-Universitätsarchiv

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