Lehre
Nr. 51

focus:lehre – Vilnius meets Vienna

Martina Schönerklee | Zentrum für strategische Lehrentwicklung

Lehre und Hochschuldidaktik zweier technischer Universitäten im Vergleich

Visite vom Baltikum: Von 20. bis 24. Mai 2019 besuchten zwei Kolleg_innen der Technischen Gediminas Universität Vilnius (VGTU) in Litauen über das Erasmus+ Staff Mobility Programm die Technische Universität Wien.

Vida N. und Gražina D. arbeiten an der VGTU in der „Group of Educational Competencies“ und fragten Anfang des Jahres beim Zentrum für strategische Lehrentwicklung (Bereich Hochschuldidaktik) an, ob die Möglichkeit für einen Besuch zum Erfahrungsaustausch an unserer Universität bestünde. Wir freuten uns sehr über das Interesse der ausländischen Kolleg_innen und sagten sofort zu. Nach der Erledigung einiger Formalitäten war es dann auch schon bald soweit.

Der Empfang und das Kennenlernen fielen sehr herzlich aus. Es gab keinerlei Verständigungsschwierigkeiten, da Vida N. und Gražina D. sehr gut Deutsch sprechen. Nachdem die beiden uns bereits im Vorfeld mitgeteilt hatten, dass sie besonders an

  • einem Erfahrungsaustausch zu strategischen und operativen Unterstützungsmöglichkeiten für Lehrende,
  • Beobachtungen von Lehre in verschiedenen technischen Studienrichtungen und
  • der Teilnahme an einem hochschuldidaktischen Weiterbildungsworkshop

 

interessiert wären, konnten wir unter Mitwirkung vieler TUW-Angehöriger (bei denen wir uns hiermit nochmals sehr herzlich für ihre Unterstützung bedanken möchten) ein abwechslungsreiches Programm zusammenstellen:

Empfang Kurt Matyas, Vizerektor Studium und Lehre © Christian Marschnigg

Spannende Diskussionen am Teaching Support Center © Christian Marschnigg

Die Technische Gediminas Universität Vilnius

Den Anfang bildete eine Kurzvorstellung der beiden Universitäten, um nachfolgende Informationen besser einordnen zu können. Hierbei erfuhren wir, dass es an der VGTU mehr als 10 TSD Studierende gibt und zehn Prozent davon aus dem Ausland kommen, weshalb etwa 30 Prozent der Studienprogramme in englischer Sprache angeboten werden. Die Universität ist in zehn Fakultäten gegliedert und bietet über 100 Studienprogramme in Voll- und Teilzeit an, wobei die Hälfte davon interdisziplinär ist. Nach Studienrichtungen aufgeschlüsselt entfallen etwa 70 Prozent auf Technik- und Ingenieurwissenschaften. Besonders interessant fanden wir die Information, dass in Litauen durch Emigration die Studierendenzahlen landesweit rückläufig sind und deshalb Universitäten fusioniert werden müssen, was nicht immer ganz reibungslos abläuft.

Hochschuldidaktik der beiden TUs im Vergleich

Wir tauschten uns ebenfalls über unsere Organisationseinheiten sowie deren strategische Verankerung, personelle Ausstattung und Zuständigkeiten aus. Die „Group of Educational Competencies“ wurde erst 2016 gegründet und ist demnach relativ jung. Sie umfasst drei Mitarbeiter_innen und ist mit der Organisation und Durchführung hochschuldidaktischer Seminare und Diskussionsrunden sowie individueller Beratung von Lehrenden betraut.

Wir gaben den Kolleg_innen Einblick in unsere vielfältigen Angebote und teilten unsere Erfahrungen zu hochschuldidaktischen Workshops, der Basisausbildung für Junglehrende, einer Lehrveranstaltung für Tutor_innen, Großveranstaltungen wie Tag der Lehre, Evening Lecture, Hacks & snacks u.ä, der Möglichkeit maßgeschneiderte Angebote und Coachings in Anspruch zu nehmen sowie der Umsetzung bzw. Mitarbeit an strategischen Lehrprojekten. Vida N. und Gražina D. interessierten sich hier besonders für die Best Teaching Awards sowie die Einführung der Lernergebnisorientierung, wozu wir gerne ausführlich Auskunft gaben.

Die bedeutendsten inhaltlichen Unterschiede zur TU Wien sehen wir darin, dass an der VGTU Lehrende um ihren Vertrag verlängern zu können verpflichtend 40 Stunden an hochschuldidaktischer Weiterbildung nachweisen müssen. Eine Evaluierung der persönlichen Lehrleistungen findet dabei alle fünf Jahre statt. Sollten Lehrende bei der Lehrveranstaltungsbewertung ein auffällig negatives Feedback von Studierenden erhalten, sind der Besuch eines Spezialworkshops sowie eine Hospitation der Lehrveranstaltung obligatorisch.

 

Am Nachmittag stand ein Treffen am Teaching Support Center auf dem Plan. Das Team stellte dabei ihre Services vor. Insbesondere wurde auf TUWEL (moodlebasierte Lernplattform), Lecture Tube zur Aufzeichnung von Lehrveranstaltungen, TU connect (Videoconferencing mit Adobe Connect) und Dokumentenkameras eingegangen. Ebenfalls präsentiert wurden Online Self Assessment Tests, welche Erwartungen und Kompetenzprofile von Studieninteressierten überprüfen und somit als Entscheidungshilfe bei der Studienwahl fungieren können. Vida N. und Gražina D. zeigten großes Interesse an den oben genannten Tools, da an der VGTU um den Bedürfnissen berufsbegleitend Studierender gerecht zu werden nur ca. 60 Prozent der Lehre in Präsenzform, der Rest mittels Fernlehre abgedeckt wird.

Workshopteilnahme © Christian Marschnigg

LVA PROST – ein Planspiel © Christian Marschnigg

Einblick in die vielfältige Lehre der Fakultät für Maschinenwesen und Betriebswissenschaften: Vom Planspiel bis zu Formula Student

Den nächsten Programmpunkt bildete ein Empfang bei unserem Vizerektor für Studium und Lehre. Kurt Matyas hieß Vida N. und Gražina D. herzlich willkommen und diskutierte mit ihnen anhand seiner Lehrveranstaltung „PROST-Produktionssteuerung“ die Verwendung von Planspielen in der Lehre.

Der Abend hielt ein weiteres Highlight parat: Herr Grafinger gewährte Einblicke in seine Lehrveranstaltung „PA Formula Student“, einem internationalen Wettbewerb bei dem Studierende ein echtes Rennauto konstruieren. Vida N. und Gražina D. trafen in der Fertigungshalle das TU Wien Racing Team und konnten die Arbeit am Fahrzeug live beobachten. Sie beschrieben ihre Eindrücke mit „eine unheimlich spannende Erfahrung, so viele Studierende unterschiedlicher Disziplinen an einem gemeinsamen Projekt arbeiten zu sehen.“

focus:lehre Workshop „Digitale Ressourcen in der Lehre“

Am Mittwoch nahmen die beiden Kolleg_innen an einem hochschuldidaktischen Workshop zu „Digitale Ressourcen in der Lehre“ teil und befassten sich dabei u.a. mit Vor- und Nachteilen online gestützter Lernformate, digitalen Methoden für aktivierende Lehre und Wissensgenerierung/-aneignung. Vida N. und Gražina D. meinten dazu: „Der Besuch des Workshops hat unser Methodenrepertoire erweitert und unsere didaktischen Fähigkeiten verbessert.“

Rennwagen des TU Racing Teams © Christian Marschnigg

Besuch einer LVA-Einheit der Informatik © Christian Marschnigg

Lehrbeobachtungen in Technischer Informatik und Chemie

Am letzten Tag unterhielten sich Vida N. und Gražina D. mit Herrn Purgathofer über didaktische Konzepte des Fachbereichs Human Computer Interaction und diskutierten dabei beispielsweise den Einsatz eines Peer Feedback Systems mithilfe dessen Studierende die Arbeiten ihrer Studienkolleg_innen reviewen können. Danach ging es direkt in eine Lehrveranstaltung des Professors, in der zum Thema „Game Design“ gearbeitet wurde.

Von der Technischen Informatik fand ein übergangsloser Wechsel in die Technische Chemie statt und die beiden fanden sich mitten in der Lehrveranstaltung „Synthesepraktikum“ wieder, wo sie Studierende bei der Synthese verschiedener Stoffe über die Schulter schauen konnten und von Hrn. Weinberger durch das Labor geführt wurden.

Neben all den lehrbezogenen Aktivitäten blieb natürlich auch genügend Zeit für eine Besichtigung der TU Wien, wobei Vida N. und Gražina D. unter anderem Informationen zum EnergiePlus-Hochhaus  bekamen, den atemberaubenden Blick über Wien von der Terrasse des Veranstaltungssaals TUtheSky genossen sowie die Wetterstation und den eindrucksvollen Kuppelsaal bestaunten.

Lehre im Synthesepraktikum © Christian Marschnigg

focus:lehre – kollegialer Austausch © Christian Marschnigg

Eindrücke und Erfahrungen: Was nehmen wir mit?

Beim abschließenden Harvesting resümierten Vida N. und Gražina D.: „Wir sind beeindruckt, mit wieviel Fachwissen und Engagement Lehre an der TU Wien betrieben wird. Wir haben auch den Eindruck gewonnen, dass an der TU Wien die Abläufe in der Lehre sehr gut funktionieren und Studierende und Lehrende optimale Bedingungen für ihre Arbeit vorfinden. Wir nehmen viele Anregungen zur Förderung der Lehre mit nach Hause und möchten diese gleich nach unserer Rückkehr den verantwortlichen Entscheidungsträgern vorstellen.“

Für uns wurde bereits bei der Zusammenstellung des Programms einmal mehr deutlich, wie viele tolle Lehrprojekte es an unserer Universität gibt und wie stark sich Lehrende Tag für Tag dafür einsetzen, ihre Studierenden auf die Anforderungen von morgen bestmöglich vorzubereiten. Den Besuch und die Gespräche mit den beiden Kolleg_innen aus Litauen erlebten wir als interessante Bereicherung und beim Abschied vereinbarten wir den kollegialen Austausch in jedem Fall weiter zu führen.

Führung TUW-Blick von TUtheSky © Christian Marschnigg

Kontakt

Sollten auch Sie neugierig auf die Angebote von focus:lehre geworden sein, brauchen Sie hierfür nicht durch halb Europa reisen, für Sie sind wir nur einen Klick bzw. Anruf entfernt:

 

Zentrum für strategische Lehrentwicklung/ E060
Karlsplatz 13, 1040 Wien
T +43-1-58801-406612
hochschuldidaktik@tuwien.ac.at
focus:lehre – Hochschuldidaktik

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