Lehre
Nr. 37

Umfassende Kompetenz vermitteln

Herbert Kreuzeder | Büro für Öffentlichkeitsarbeit

Vizerektor Kurt Matyas

Die 100-Tage-Frist ist abgelaufen. Im Interview erklärt Kurt Matyas, Vizerektor für Studium und Lehre, seine Standpunkte zu studienrelevanten Themen.

Wie fühlt es sich an, „Vizerektor“ zu sein? Wie unterscheidet sich der Forscher Kurt Matyas von Vizerektor Matyas?

Prinzipiell fühlt sich die neue Funktion sehr gut an. Ich empfinde die Position als sehr spannend und herausfordernd. Das liegt sicher auch an der Zusammensetzung des Rektoratsteams – das passt fachlich und menschlich sehr gut. Für mich herrscht Aufbruchsstimmung, wir haben die Gelegenheit uns Inhalten zu widmen und Entwicklungen voranzutreiben.

Die Lehre hatte schon immer einen hohen Stellenwert für mich, ich sehe mich als Forscher und Lehrenden. Jetzt ist meine Rolle natürlich eine völlig andere. Einerseits habe ich neue Gestaltungsmöglichkeiten, andererseits bin ich mit acht Fakultäten mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Kulturen konfrontiert. Hier einen ausgewogenen Weg zu finden, brauchte eine gewisse Eingewöhnungszeit.

Die TU Wien ist eine Forschungsuniversität und als solche für ihre Leistungen zu Recht berühmt. Gleichzeitig sehe ich aber die Lehre als unsere Verbindung zu einer breiten Öffentlichkeit, da die persönliche Betroffenheit unmittelbarer ist. Bei 30.000 Studierenden ist die Chance jemanden im Freundeskreis oder der Familie zu haben, der bei uns studiert, groß. Daraus leiten sich auch Erwartungen ab. Es ist mir deshalb ein Anliegen speziell den Teil „umfassende Kompetenz vermitteln“ aus unserem Mission Statement umzusetzen und den berechtigt guten Ruf unserer Absolventinnen und Absolventen zu erhalten und auszubauen.

Im Bologna-Prozess wird „Employability“ für Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen gefordert. Worin sehen Sie die Aufgabe einer universitären Ausbildung?

Dieses Thema sehe ich speziell in den ingenieurwissenschaftlichen Studien sehr kritisch. Für eine fertige Berufsausbildung ist die Zeit einfach zu kurz. Zwar wurde bei der Neugestaltung der Studienpläne darauf geachtet, eine Berufsfeldorientierung einzubauen bzw. auch die Interessen der Industrie zu berücksichtigen. Trotz gewissenhafter Umsetzung ist es aber keine Berufsausbildung.

Ein Bachelorstudium dient als Fundament und bietet das theoretische Rüstzeug auf zukünftige Herausforderungen flexibel zu reagieren. Genau das schätzt auch die Industrie an unseren Absolventinnen und Absolventen. Eine Vertiefung findet in den Masterstudien statt.

Somit haben wir eine akademische Berufsvorbildung, die unsere Studierenden auch für Berufe rüstet, die es heute noch gar nicht gibt.

Universitäten und FHs – Konkurrenz oder Ergänzung?

Fachhochschulen sind eine gute Ergänzung des tertiären Sektors. Der Bedarf nach schnell in vertieften Gebieten ausgebildeten Alumni seitens der Industrie ist vorhanden. Das Bewusstsein über die Unterschiede der beiden Ausbildungen ist bei Arbeitgebern vorhanden, daher sehe ich uns in einem guten Nebeneinander.

Zugangsbeschränkungen und Aufnahmeverfahren: Notwendiges Übel oder Einschränkung der Freiheit?

Grundsätzlich wäre es natürlich schön ohne Zugangsbeschränkungen auszukommen. Auch die Kritik an Aufnahmeprüfungen ist nachvollziehbar, immerhin entscheidet eine einzige Prüfung über die berufliche Zukunft. Aber: Es gilt natürlich abzuwägen, wie viele Studierende mit den verfügbaren Ressourcen gut zu betreuen sind. Die Qualität der Ausbildung zugunsten höherer Hörer- und Hörerinnenzahlen zu senken ist keine Option.

Die Frage ist, wie man ohne Regulierungsmaßnahmen die Studierendenströme lenken kann. Deshalb habe ich auch den Prozess StartTU (http://www.start-tu.at) initiiert. Umfassende Information in der Phase der Studienentscheidung und eine intensive STEOP sollen helfen, Erwartungshaltungen und Studienrealitäten miteinander abzugleichen – bei Studieninteressierten wie bei Lehrenden.

Internationalisierung: Worin besteht der Mehrwert für Studierende/Lehrende/Universitäten?

Die Internationalisierung ist mir schon immer ein großes Anliegen gewesen. Wir leben auf keiner Insel der Seligen. Ich halte es für essenziell, sich mit Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland auszutauschen, Kooperationen einzugehen. Auch aktuelle Trends und Entwicklungen können in Diskussion mit internationalen Kolleginnen und Kollegen besser zugeordnet und eingeschätzt werden. MOOCs (Massive Open Online Courses) wären zum Beispiel so ein Thema.

Studierende können in Austauschprogrammen neben der fachlichen auch die persönliche Entwicklung vorantreiben, Forscher und Forscherinnen profitieren von der wissenschaftlichen Abwechslung.

Bei Europa-Themen verleiht ein akkordiertes Vorgehen den Universitäten größere Schlagkraft.

Die TU-Strategie zielt auf hochwertige Forschungskooperationen und den Austausch von Studierenden, Lehrenden und allgemeinem Personal. Für alle Bestrebungen gibt es natürlich den definierten Qualitätsanspruch.

Auf allen Ebenen halte ich eine Erweiterung des Horizonts für erstrebenswert.

Das Modell des Lebenslangen Lernens ist Teil des modernen Lebens. Ist der Bereich Technik dabei speziell fordernd?

Aus der Techniker-Perspektive würde ich sagen ja. Wobei es in allen Bereichen so ist, dass man nicht stehen bleiben kann. Es gilt, sich laufend persönlich und fachlich weiterzuentwickeln.

Da Technik unser täglicher Begleiter ist, wird die rasante Entwicklung wahrscheinlich noch deutlicher wahrgenommen. Als Beispiel: Der Rechner, der für die erste Mondlandung eingesetzt wurde, hatte weniger Rechenleistung als ein aktuelles Smartphone.

Universität als Gemeinschaft Lehrender und Lernender. Wie sieht der/die ideale Lehrende aus? Was macht den/die ideale/n Studierende/n aus?

Ein idealer Lehrender oder eine ideale Lehrende bringt neben der Fachkompetenz ein hohes Maß an Begeisterung mit und die Fähigkeit diese zu vermitteln. Wenn die Faszination spürbar ist, motiviert das die Studierenden. Ich hatte zwei Studien als Favoriten, den Ausschlag Richtung Maschinenbau gab ein mitreißender Vortrag zu thermischen Turbomaschinen.

Von idealen Studierenden erwarte ich mir hauptsächlich Interesse.

Das Betreuungsverhältnis erleichtert diese Aufgabe nicht immer, deshalb wird das Programm Focus Lehre weitergeführt. Lehrende sollen Unterstützung bei der Entwicklung didaktischer Ansätze bekommen. Ich sehe es als meine Aufgabe dafür zu sorgen, dass Lehrenden und Studierenden gute Arbeits- bzw. Studienbedingungen vorfinden.

Dazu ist auf allen Seiten auch Idealismus notwendig. Es freut mich sehr, dass dieser bei vielen Gelegenheiten spürbar ist und das entsprechende Engagement von Kolleginnen und Kollegen sowie Studierenden vorhanden ist.

Welche Hürden/Schwierigkeiten sehen Sie beim Übergang Schule-Universität? Wie könnte man hier eingreifen?

Oft fehlt ausreichend Information, was überhaupt möglich ist. Ich halte es für sehr wichtig aufzuzeigen, wohin ein Studium führen kann, Berufsbilder sind hier eine Möglichkeit. Schulkooperationen wären eine Variante direkt mit potenziellen Studierenden in Kontakt zu kommen. Die Studienpläne machen klar, was auf einen zukommt.

Ihr ultimativer Tipp für Studieninteressierte?

Sich rechtzeitig und umfassend informieren. Und dann aufgrund der eigenen Interessen entscheiden, was man machen möchte. Auch wenn es nicht nur Spaß machen wird, ich bin davon überzeugt, was man gerne macht, macht man auch gut.

Infobox:

Ao.Univ.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Kurt Matyas
Vizerektor für Studium und Lehre
Jahrgang 1963
Verheiratet, 2 Kinder

Studium Maschinenbau/ Betriebswissenschaften an der TU Wien
1992: Promotion, 2000: Habilitation „Industrial Engineering“
seit 2001 Ao. Universitätsprofessor am Institut für Managementwissenschaften
seit 1995 Durchführung und Leitung zahlreicher Forschungs- und Industrieprojekte
seit 2006 Vizepräsident des österreichischen Verbandes der Wirtschaftsingenieure
2008 – 2015 Studiendekan der Fakultät für Maschinenwesen und Betriebswissenschaften
Seit 2015 Vizerektor für Studium und Lehre, TU Wien

Bild: © Raimund Appel 

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