Forschung
Nr. 38

TU Forum: Ein Upgrade für unsere Industrie

Florian Aigner, Christine Cimzar-Egger | Büro für Öffentlichkeitsarbeit

Maschinen, die sich über ihre Arbeit austauschen: Industrie 4.0 wird nicht nur unsere Technologie verändern, sondern auch unsere Arbeitswelt. Beim 20. TU Forum ging es um die Industrie von morgen.

Wie wird die Industrie von morgen aussehen? Werden wir statt Massenware individuell auf uns abgestimmte Produkte kaufen können? Wird es menschenleere Fabriken geben, in denen Maschinen ganz alleine kooperativ zusammenarbeiten? Und was bedeutet das für die Menschen, die dann keine Arbeitsplätze mehr in der Produktion finden?

Am 31. März 2016 ging es beim 20. TU Forum im Treitl-Hörsaal der TU Wien um die nächste industrielle Revolution. IT-Systeme wachsen zusammen, Maschinen sollen in Zukunft ganz automatisch Daten austauschen und sich selbstständig koordinieren. Am Podium saßen Prof. Detlef Gerhard, Dekan der Fakultät für Maschinenwesen und Betriebswissenschaften der TU Wien, Prof. Schahram Dustdar vom Institut für Informationssysteme der TU Wien, Silvia Angelo von der Arbeiterkammer Wien und Stefan Petsch von Siemens. Moderiert wurde die Diskussion vom Wissenschaftsjournalisten Norbert Fiala.

„Losgröße eins“

Mit Sonderwünschen kommt unsere heutige Massenproduktion nicht zurecht. In Zukunft könnten Fabriken aber genau auf spezielle Kundenwünsche hin zugeschnittene Einzelstücke anfertigen und ausliefern. In dieser Individualisierung sehen Detlef Gerhard von der TU Wien und Stefan Petsch von Siemens eine große Chance für die Mittel- und Westeuropa. Durch intelligentere, leistungsfähigere Technologien könne man verhindern, dass die Produktion immer weiter in Billiglohnländer abwandert.

Für die Arbeiterkammer steht die Frage im Mittelpunkt, ob die neuen Methoden die menschliche Arbeit ergänzen oder ersetzen sollen. Das sei nicht neu, betont Silvia Angelo, jeder technische Entwicklungsschub stelle gewisse menschliche Aufgaben in Frage. Automatisierung ist aus Arbeitnehmersicht freilich nichts Negatives. Schließlich nehmen Maschinen dem Menschen oft unangenehme, langweilige Arbeitsschritte ab. Doch man dürfe Innovationen nicht nur aus der Maschinenlogik heraus betrachten, meint Angelo, die Arbeitswelt benötige auch Werte und menschliche Arbeitszufriedenheit.

Eine Fabrik, in der Maschinen auf eine Weise miteinander kommunizieren, dass der Mensch an diesem Informationsaustausch gar nicht mehr teilhaben kann, wäre eine Fehlentwicklung. Doch gerade mit neuen technischen Methoden kann man auch das Gegenteil erreichen: Automatisierte Systeme können durch durchdachte Visualisierungen leicht verständlich darstellen, was gerade vor sich geht, wo es Probleme gibt, wo Handlungsbedarf besteht. Wenn Fehler automatisch entdeckt und Servicetechniker gleich informiert werden –wo sie hinkommen müssen, welches Spezialwerkzeug sie benötigen und welche Schutzausrüstung sie mitnehmen sollen –, dann kann die Arbeitszufriedenheit steigen. Der Mensch wird dann nicht ersetzt, er ist Nutznießer der neuen Technik und erspart sich den Frust von Fehlversuchen oder zusätzlichen Wegen.

Achtung vor dem Datendieb!

Schahram Dustdar weist darauf hin, dass man in diesem Zusammenhang Datensicherheitsfragen sehr ernst nehmen müsse. Daten, die von Maschinen generiert werden, können zum Problem werden, wenn sie in die falschen Hände geraten. „Wenn man sich ansieht, wie leichtfertig viele Leute in sozialen Medien mit ihren Daten umgehen, dann müssen wir uns auch in Hinblick auf die Industrie Sorgen machen“, meint Dustdar. Auch Stefan Petsch weist auf die Bedeutung von IT-Security hin: Konstruktionspläne könnten ausgeforscht und die Konkurrenz an Informationen über Qualitätsmängel kommen. Für Industrieunternehmen drohen durch Sicherheitslücken ernste Gefahren.

In der Publikumsdiskussion wurde am Ende auch die Frage aufgeworfen, ob der Begriff „Industrie 4.0“ oder die vorhergesagte nächste „industrielle Revolution“ nicht eine Übertreibung sei – schließlich habe man schon vor Jahrzehnten über die Zukunftsvision der „menschenleeren Fabrik“ gesprochen. Die Diskutanten bestätigen: Vorhersehbar sind Revolutionen nicht. Doch zweifellos steht die Technik heute an einem Punkt, der solche Innovationen weitaus realistischer erscheinen lässt als sie noch vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten gewesen wären.

Schreibe einen Kommentar