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Nr. 49

Anekdota: Auf dem Weg zur Universität – Das Technikstudiengesetz von 1969

Paulus Ebner | Archiv

Karikatur zur Studienreform auf dem Cover von quovadis, Ausgabe 4 (1968), Heft 1

Karikatur zu einem der Ziele des Gesetzes, der Verkürzung der Studienzeiten, quovadis, 5 (1969), Heft 1, S. 16

Das Gesetz mit dem ungewöhnlich kurzen und prägnanten Titel „Bundesgesetz vom 10. Juli 1969 über die technischen Studienrichtungen“ (Bundesgesetzblatt 290/1969) bedeutete für die österreichischen Technischen Hochschulen (TH) einen Meilenstein.

Im Geiste der gegen Ende der 1960er Jahre auch in Österreich angekommenen Forderung nach Mitbestimmung waren auch Studierende an der Abfassung des Gesetzes beteiligt, und zwar durch eine Reihe von Kommentaren zu den Entwürfen. In den Jahrgängen 1968 und 1969 der ÖH-Zeitschrift „Quo vadis“ war das Thema „Technikstudiengesetz“ dominant.

Was genau ist an diesem Gesetz so wichtig? Am unspektakulärsten, weil nach außen unsichtbar, war die Einführung von Diplomprüfungen anstatt der bisher existierenden Staatsprüfungen. Damit verbunden war der Erwerb eines akademischen Titels für die Absolvierung der 2. Diplomprüfung an Technischen Hochschulen – erstmals mit Ausnahme der Jahre nach dem „Anschluß“, in denen die reichsdeutschen Hochschulgesetze galten. Bis zu der in diesem Gesetz festgelegten Diplomprüfungsregelung konnten Absolvent_innen der TH nur einen Standestitel erwerben. Da dieser Titel „äußerlich“ unverändert blieb, kam es für Absolvent_innen, die noch den gleichnamigen Standestitel erworben hatten, zu keiner Zurücksetzung. Die Akademisierung der Studien stellte jedenfalls einen wesentlichen Schritt zu einer „Technischen Universität“ dar.

Das Gesetz regelte nicht nur den Ablauf des Studiums und die Hauptfächer bei den Ersten und Zweiten Diplomprüfungen, sondern legte auch fest, welche Studienrichtungen und -zweige an Technischen Hochschulen in Österreich angeboten werden mussten. Auf diese Weise war klar, dass möglichst rasch bisher nicht existierende Studienrichtungen wie „Informatik“ und „Raumplanung und Raumordnung“ einzurichten waren.

Die dritte große Änderung, die Einführung von drittelparitätischen Studienkommissionen, war zwar schon im Allgemeinen Hochschulstudiengesetz (AHStG) von 1966 vorgesehen, im Technikstudiengesetz war aber nun die sofortige (dh. ab dem Wintersemester 1969/70) Einsetzung von Studienkommissionen festgelegt. Diese Studienkommissionen waren zu gleichen Teilen von der Professor_innenschaft, dem Mittelbau (der von Dozent_innen über Assistent_innen bis zu den Vertragslehrer_innen reichte) und den Studierenden zu besetzen. Die wichtigsten Aufgaben der Studienkommissionen waren die Erlassung von Studienplänen, die Abgabe von Empfehlungen zur Gestaltung von Lehrveranstaltungen und Prüfungen sowie die Überprüfung von systemischen Gründen für Studienverzögerungen. Eine weitere, für 1969 sicher ungewöhnliche Regelung: Ein geschlossenes Eintreten einer der drei Kurien gegen einen Vorschlag reichte aus, um diesen zu Fall zu bringen.

In der parlamentarischen Debatte am 10. Juli 1969 waren sich die Vertreter_innen aller Parteien über die Vorzüge des neuen Gesetzes einig. Herta Firnberg von der oppositionellen SPÖ begrüßte die Einführung von Studienkommissionen als wichtigen Schritt zur Demokratisierung der Hochschulen, Otto Scrinzi von der FPÖ sah die Studienkommissionen trotz positiver Gesamtbewertung mit Skepsis, Josef Gruber von der ÖVP betonte die enge Kooperation von „Lehrenden und Lernenden“ bei der Erstellung des vorliegenden Gesetzes.

Genau diese enge Zusammenarbeit spiegelt sich sowohl in den Zeitschriften der Hochschüler_innenschaft der TH in Wien (HTHW) wie auch in den Publikationen der Hochschule. Zwar gab es in Details immer wieder Dissonanzen, doch letztlich waren beide Seiten, Hochschulleitung und HTHW, mit dem Resultat sehr zufrieden.

So sehr es sich dabei um einen wichtigen Schritt zur Demokratisierung der Hochschulen handelte, so blieb in einem ganz wesentlichen Punkt alles beim Alten: In den im Dezember 1969 und Jänner 1970 konstituierten Studienkommissionen waren (Ersatzmitglieder eingerechnet) ca. 170 Personen aktiv. Darunter war keine einzige Frau…

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