Rundschau
Nr. 50

Das Museumsquartier im Sommer – steinerne Spielwiese mit vielen Facetten

Doris Hotz | Forschungsbereich Angewandte Geometrie

Foto: Museumsquartier/Udo Titz

Aus der Ausstellung im Leopld Museum: OLGA WISINGER-FLORIAN, Blühender Mohn, um 1906 © Belvedere, Wien Foto: Belvedere, Wien/Johannes Stoll

Zu sehem im MUMOK: Marina ApollonioSpazio Ad Attivazione Cinetica 6B, 1966/2015Museo del Barrio, NYCourtesy Photo: Lauren Glazer© Marina Apollonio

MUMOK: Dorit Margreiter  Mirror Maze, 2019, 2-Kanal-Videoinstallation / 2-channel video installation
Farbe, ohne Ton, je 10 min, Loop / Color, silent, 10 min each, loop, Videostill
© Dorit Margreiter

Gerade im Sommer ist man froh, dass Wien so naturnah liegt, dass man mit der U-Bahn in kürzester Zeit an der Donau oder im Wienerwald ist. Doch auch inmitten der Stadt, an einem Ort, der eigentlich nur aus Stein besteht, gibt es im Sommer viel zu erleben,  nämlich im Museumsquartier. Es gilt mit rund 60 Einrichtungen als eines der weltweit größten Kunst- und Kulturareale.

Hier, wo einst die kaiserlichen Pferde untergebracht waren, was man immer noch an den Pferdeporträts über einzelnen Eingangsbögen erkennen kann, ist Raum für Veranstaltungen aller Art – und für Besucher_innen aller Art. Die ganz Jungen kommen bei den Theaterveranstaltungen des Dschungel Wien (der Spielplan endet vorerst mit Juni 2019 – https://www.dschungelwien.at) oder im Zoom Kindermuseum auf ihre Kosten. Hier gibt es bis 1. September 2019 noch die Mitmachausstellung „Erde.Erde“ für Kinder von sechs bis zwölf Jahren, den ZOOM Ozean, das ist ein Spielbereich für Kinder von acht Monaten bis zu sechs Jahren sowie die Workshopbereiche ZOOM Atelier für Drei- bis Zwölfjährige und das ZOOM Trickfilmstudio für Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 14 Jahren – eine Reservierung ist unbedingt zu empfehlen: https://www.kindermuseum.at).

Schon vor dem MQ erweist sich der kleine Minigolf-Platz (betreut von 12 bis22 Uhr) als familienfreundlicher Ort, das Wasserbecken im MQ Haupthof ist sowieso ein Anziehungspunkt, ebenso wie die Boule-Bahn (hinter dem MUMOK in Hof 8; 14-22 Uhr), an der sich eher die älteren Semester versammeln. Die Ausstattung mit WLAN sorgt für zusätzlichen Anreiz, sich auf den Bänken oder einem der Enzis niederzulassen. Viele kleine Ausstellungen sind frei zugänglich – beispielsweise, die  MQ-Box, das ist ein Glas-Container neben dem Leopoldmuseum, in dem immer von ein_e zeitgenössische_r Künstler_in vorgestellt wird. Oder die in den verschiedenen Ein- und Durchgängen des Museumsquartiers angesiedelten Ausstellungen im Bereich Graphik und Audiokunst. Es gibt sechs davon zu entdecken, z.B. die von Esther Stocker visuell gestaltete „Tonspurpassage“ im Durchgang neben dem Designforum: hier hört man immer unerwartete Klänge, deren Ursprung meist in einem bereitgestellten Folder erklärt werden.

https://www.mqw.at/
https://www.mqw.at/institutionen/q21/
https://events.wien.info/de/z9t/sommer-im-mq-2019/
https://www.mqw.at/programm/category/freier-eintritt/

 

Betritt man das Museumsquartier von der Volkstheater-Seite her, kommt man gleich links zum Designforum Wien. Dort geht die Ausstellung Food Realities: Produktion, Design & Technologie“ der Frage nach: Warum isst die Welt, wie sie isst? Der Weg des Essens von landwirtschaftlicher Erzeugung und industrieller Verarbeitung, über Produktgestaltung bis zur häuslichen Zubereitung wird als kulturell geprägter Entscheidungsprozess begriffen: wir entscheiden, wie unser Essen aussieht, riecht, schmeckt und wieviel es kosten darf. Dabei werden auch Themen wie Landraub und Gentechnik nicht ausgespart. Mo-Fr, 10-18 Uhr.

https://www.designforum.at/wien

 

Die „a_schau“ betitelte Dauerausstellung des Architekturzentrums Wien – Az W ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet und gibt einen kompakten Überblick über die Architekturentwicklung der letzten 150 Jahre, speziell in Österreich. Darüber hinaus gibt es noch zwei weitere sehenswerte Ausstellungen: Unter dem Titel „Critical Care“ zeigen die Kuratorinnen Angelika Fitz und Elke Krasny anhand von 21 aktuellen und funktionierenden Beispielen aus aller Welt, auf welche Weise Architektur und Urbanismus dazu beitragen können, eine lebenswerte Zukunft zu gestalten: erdbebensichere, nachhaltige Dorfentwicklung in China, Überschwemmungsschutz durch traditionelle CO2-arme Bautechniken in Pakistan und Bangladesch, die Revitalisierung historischer Bewässerungssysteme in Spanien, die vielfältige Umnutzung modernistischer Bauten in Brasilien und Europa sowie neue Konzepte für öffentliche Räume und durchmischte Stadtquartiere in Wien, London und Nairobi. Die Ausstellungsarchitektur entspricht ebenfalls dem Sorgetragen und ist aus recycle-barem Material gefertigt. Die Skizzen, Fotos, Modelle, Audio-und Video-Beiträge lassen ein sehr lebendiges Bild der Projekte entstehen.

Weiters wird in der „Galerie“ des Az W der Nachlass von „Hans Hollein ausgepackt: Das Haas-Haus“. Die Schau (bis 19.8.) entstand im Zuge der Aufarbeitung des „Archiv Hans Hollein Az W und MAK, Wien“ und gewährt Einblick in den Arbeitsprozess des Ateliers Hollein. Sie zeigt am Beispiel des damals sehr umstrittenen Haas-Hauses Herangehensweisen, Verworfenes, Alternativen und Medienberichte sowie Dokumente zur Um-/Baugeschichte des seit 2012 unter Denkmalschutz stehenden Baus.

https://www.azw.at

Bei freien Eintritt werden vor dem Az W im August jeden Mittwoch um 20:30 Uhr Filme gezeigt, die sich mit der Rolle von Architektur und Urbanismus in Zeiten des menschengemachten Klimawandels und einer zunehmenden sozialen Polarisierung auseinandersetzen. Kino gibt es außerdem freitags und samstags um 21:30 Uhr im Hof 8 bei den Boule-Bahnen beim Digital Filmfestival frame(o)ut.
http://www.frameout.at

Der Haupthof ist an Sommerabenden oft frei zugänglicher Veranstaltungsort für Festivals und Musikdarbietungen. https://www.mqw.at/programm/2019/sommer-im-mq/
Das Literaturfestival o-toene beispielsweise ab 11.7. donnerstags 20 Uhr.

https://o-toene.at/

Die Ausstellung „Dance of Urgency“ stellt Tanz und Club-Kultur als eine Form des politischen Protests vor. Der Kurator Bogomir Doringer benennt persönliche Erinnerungen an Clubbings während des NATO Bombardements von Belgrad im Jahr 1999 als Inspiration für die spannende und ungewöhnliche Ausstellung im frei_raum Q21 exhibition space, für die er Kunstwerke ganz verschiedener Genres zusammengetragen hat; unter anderem auch den Film „Homo sapiens“ von Nikolaus Geyrhalter, in dem man von Menschen geschaffene und später verlassene Orte sehen kann, die sich die Natur wieder zurück erobert, begleitet von einem wunderbaren Soundtrack, der die ständige Arbeit der Naturkräfte hörbar macht. Die vielfältige Ausstellung – unter anderem sieht man ein Architekturmodell in Buchform, Videos, mandala-ähnliche Zeltarchitektur-Modelle für Groß-Events, eine Laser-Installation – ist bei freiem Eintritt zugänglich und erlaubt so ein zwangloses Immer-wieder-Besuchen in verschiedenen Konstellationen. Die auf ein internationales Publikum abzielenden Ausstellungen im frei_raum Q21 exhibition space haben grundsätzlich einen gesellschaftlichen Bezug und inkludieren oft Arbeiten der im Museumsquartier untergebrachten Artists in Residence.

https://www.mqw.at/institutionen/q21/frei-raum-q21-exhibition-space/2019/dance-of-urgency/

Als „Geheimtipp“ kann man die donnerstags um 16 Uhr stattfindenden „Backstage-Tours“ (Tickets für 5 Euro) ansehen. Hier erhält man eine Führung durch die Arbeits- und Ausstellungsräume des MQ21 – je nachdem, wo gerade etwas Interessantes passiert, ist diese Führung immer wieder „neu“.

Natürlich sind auch die beiden großen Kunst-Museen, die im Museumsquartier beheimatet sind, einen Besuch wert:

Das Leopold-Museum bietet gleich mehrere Ausstellungen, die man so wohl nirgends auf der Welt finden würde: Mit „Wien 1900 – Aufbruch in die Moderne“ wird der Sammlungsschwerpunkt des Museumsgründers Leopold in den Fokus gerückt und neu interpretiert. Hier wird einem die Kunstwelt der vorletzten Jahrhundertwende mit ihren verschiedenen Positionen lebendig vor Augen geführt – es wird gezeigt, was die „Wiener Kunst um 1900“ an bahnbrechender Ästhetik und neuen Produktionsweisen entwickelte, wie das ein wahrer Befreiungsschlag gegenüber dem Althergebrachten war und den Weg für die Moderne erst freimachte.
Mit der Ausstellung „Oskar Kokoschka, Expressionist, Migrant, Europäer“ wird das Lebenswerk dieses großen internationalen Künstlers (1886-1980) vor uns ausgebreitet und speziell sein Verhältnis zu Österreich beleuchtet. Die Werkschau macht einerseits seine künstlerische Entwicklung erfahrbar, dann sind auch die Ortswechsel mit Stationen in Wien, Dresden, Prag, London, Villeneuve in der Zusammenstellung der Bilder thematisiert. Dass er ein frisches Grün erst bei seinem Aufenthalt in England neu in seine Palette aufnimmt, wird deshalb erfahrbar, weil wir aus dieser Zeit gleich mehrere Gemälde sehen dürfen, in denen fröhliche Menschen im Garten abgebildet sind. Auch einen künstlerischen Kommentar aus heutiger Sicht gibt es: An einer Hörstation kann man sich neben einen Nachbau der Puppe, die Kokoschka nach dem Vorbild seiner Ex-Geliebten Alma Mahler hatte anfertigen lassen, setzen und sich dort die Geschichte von Kokoschkas Puppe und ihrer Gestalterin erzählen lassen. Die abwechslungsreiche Ausstellungsgestaltung trägt dazu bei, dass man genügend Muße entwickeln kann, um aus größerer und dann aus kleinerer Entfernung die teils monumentalen Gemälde auf sich wirken zu lassen oder sich einmal ganz aus der Nähe in die ausgestellten Dokumente zu vertiefen. Es tut gut, dass man in Ruhe vor zwei großen Allegorien sitzen kann, die Kokoschka für einen befreundeten englischen Landhausbesitzer gemalt hatte; dokumentiert ist durch Fotos auch seine Arbeit daran, wobei er sich die Bilder im Atelier genau in der Neigung angebracht hatte, die sie am Ende auch vor Ort haben sollten. Es tut gut, den Blick über die Bilder schweifen zu lassen, nach und nach zu erkennen, wer hier wohl darstellt sein mag. Auch das: eine Ausstellung, die man gerne ein zweites Mal besucht.
Dabei sollte man nicht versäumen in die umfassende Werkschau von Olga Wisinger-Florian zu gehen, deren Werk zwar immer in Niederösterreich, im Oberen Belvedere und auf den Wiener Kunstmessen präsent war, das aber erst jetzt so richtig gewürdigt wird, indem es in den Kontext ihrer Biografie, sie lebte von 1844 bis 1926, und ihrer Zeitgenoss_innen und Weggefährt_innen gestellt wird. So gehörte sie zum engeren Kreis des für seinen „Stimmungsimpressionismus“ berühmten Emil Jakob Schindler. Neben Gemälden und Zeichnungen sind auch Fotografien und Tagebücher, in denen sie ihre künstlerische Entwicklung reflektiert, ausgestellt. Wisinger-Florians intensive Blumenbilder belegt man zurecht dem Begriff „Farbexpressionismus“. Sie rechtfertigen auch den Untertitel der Ausstellung: Flower-Power der Moderne.
Ganz und gar unbekannt war mir bisher der Vorarlberger Künstler Edmund Kalb (1900-1952), dem ebenfalls eine Ausstellung gewidmet ist, bei der neben den Werken des Künstlers – das sind zumeist auch formal sehr radikale Selbstporträts – der Film „Erwachen aus dem Schicksal – Hommage to Edmund Kalb“ aus dem Jahr 2002 von Stephan Settele mit Interviews zahlreicher Zeitzeugen und Kunsthistoriker gezeigt wird.

https://www.leopoldmuseum.org/de

Das MUMOK, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, widmet sich derzeit allgemeinen Phänomenen und ausgewählten Strömungen der modernen Kunst. In „Vertigo – Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970“ wird im dunklen Labyrinth auf einladende Weise OP-Art präsentiert, die mit optische Gesetzen und der menschlichen Wahrnehmung spielt. Dass die Übersetzung von „Vertigo“ als „Schwindel“ so herrlich doppeldeutig ist, passt gut zu den Exponaten, die einem einerseits etwas vorspiegeln und andererseits durch ihre oft nur scheinbare Beweglichkeit tatsächlich die körperliche Empfindung des Schwindels hervorrufen können. Noch bis im September gibt es die spannende Ausstellung „Pattern and Decoration – Ornament und Versprechen“ – auch hier im Titel ein Wortspiel, in Anlehnung an die polemische Streitschrift von Adolf Loos „Ornament und Verbrechen“ (siehe die „Aufbruch in die Moderne“-Ausstellung im Leopold-Museum). Thematisiert wird das Entstehen des US-amerikanischen Pattern-and-Decoration-Bewegung (1975–1985) als Gegenbewegung zur damals üblichen Abstraktion. Neben den farbenfrohen und erstaunlich vitalen ornamental orientierten Bildern, Mosaiken und Objekten beeindrucken auch die Videos der Performances von Robert Kushner und Videos von Interviews mit den Protagonist_innen der „Pattern-and-Decoration“-Bewegung. Zu sehen sind Werke von Brad Davis, Frank Faulkner, Tina Girouard, Valerie Jaudon, Joyce Kozloff, Robert Kushner, Thomas Lanigan-Schmidt, Kim MacConnel, Miriam Schapiro, Kendall Shaw, Ned Smyth, Robert Zakanitch und Joe Zucker. Über „TU ForMath“ gibt es hier sogar eine Zusammenarbeit der TU Wien mit dem MUMOK: Steckt Mathematik in der Kunst oder umgekehrt Kunst in der Mathematik? Das fragen sich die daran teilnehmenden SchülerInnen, die bei ihren Erkundungen von je einem_r Wissenschafts- und einem Kunstvermittler_in begleitet werden.  https://tuformath.at/mumok/

Mit Dorit Margreiter.Really! ist der international tätigen und in Wien als Akademie-Professorin lehrenden Künstlerin in den oberen Stockwerken eine Personale gewidmet, die zum Verweilen in ihren Environments einlädt, bei denen grafische Arbeiten, Fotos, Filme, Videoinstallationen und Mobiles derart aufeinander bezogen sind, dass sie eine künstliche Welt darstellen, in der man sich als Betrachter_in erst einmal neu orientieren muss. Margreiter provoziert so unsere Auseinandersetzung mit gesellschaftlich geprägten Raumbezügen.

Christian Cosmas Mayer, beschäftigt sich mit Fragen des Archivierens und Konservierens. Referenzpunkt der von Rainer Fuchs kuratierten Ausstellung ist die von den Dichtern der Romantik gerne bearbeitete wahre Geschichte des „Bergmanns zu Falun“: Nach Jahren kommt ein einst als junger Mann im Bergwerk Verschollener wieder an die Oberfläche – während die Weiterlebenden alle gealtert waren, sah der Tote, konserviert durch unterirdische Mineralien, noch taufrisch aus und so jung wie am Tag seines frühen Todes. Christian Cosmas Mayer zeigt eine Installation, bei der Stofftiere in mineralhaltigem Wasser nach und nach mit einer „steinernen“ Haut überzogen werden und außerdem eine Raumgestaltung, die das biologische Experiment der Wiedererweckung von Pflänzchen, deren Samen 32.000 Jahre im sibirischen Permafrost überlebt hatten, thematisiert.

https://www.mumok.at/de

Gespannt sein darf man auf das Work-in-Progress „Gelatin & Liam Gillick. Stinking Dawn“ in der Kunsthalle Wien Museumsquartier. Ab 5. Juli dient der Ausstellungraum als Set für einen Film nach einem Skript von Liam Gillick. Die Gestaltung obliegt der Künstlergruppe Gelatin. Dreharbeiten beginnen am Eröffnungsabend unter möglicher Mitwirkung des Publikums und werden an noch bekanntzugebenden Tagen fortgesetzt. Fertig produzierte Teile des Films werden während der Ausstellungszeit zu sehen sein.

https://www.mqw.at/programm/2019/kunsthalle/gelatin-liam-gillick-stinking-dawn/
http://www.kunsthallewien.at

 

Kontrastprogramm: Sommerspaß für Jung-Lippizaner– draußen, im Burggarten

Anfang Juli kann man wieder am Abend den jungen Lippizanern eine Stunde lang beim Spielen und Grasen zusehen; sie werden mit ihren Müttern in den Park geführt und genießen dort das Gras und die Aufmerksamkeit der vielen Zuschauer, die sich um das umzäunte Areal bereits eingefunden haben. Da haben sie schon ihre Tagesarbeit hinter sich. Ab 2. Juli debütieren vormittags um 11 Uhr in der einstündigen Show „Piber meets Vienna“ die jungen Lippizaner-Stars zusammen mit ihren Müttern.

www.srs.at

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