Menschen
Nr. 37

„Mehr als ich kann“

Ewa Vesely | Vereinbarkeitsbeauftragte der TU Wien

Gabriele Allmer, Ewa Vesely

Vereinbarkeit von Beruf und Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger an der TU Wien

Mitte Dezember fand die letzte Veranstaltung des vergangenen Jahres zum Thema „Pflegebedürftige Angehörige“ statt. Der Informationsbedarf über die Formen der gesetzlichen Vertretungen, wie Patient_innenverfügung, Sachwalterschaft, Vorsorgevollmacht, Angehörigenvertretung, war groß. Entsprechend gut war der Vortrag von Gabrielle Allmer, Leiterin der Geschäftstelle der Wiener Heimkommission, besucht.

Hedwig Schnabel-Zukal (Konso International – Business Coaching & Marketing Research) moderierte die anschließende Diskussion im Rahmen der TU-Netzwerkplattform für pflegende Angehörige. Wie kommt es, dass an unserer Universität Beschäftigte wie Leitung das Thema „Pflegende Angehörige“ als relevant ansehen? – Die Geschichte eines Bottom-up-Prozesses:

2013 wurde im Rahmen der Neuausrichtung der Agenden der Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Tätigkeit/Beruf neben den Handlungsfeldern Kinderbetreuung (Zielgruppe alle TU-Angehörige: Studierende und Beschäftigte) und Unterstützung für Doppelkarrierepaare ein drittes Handlungsfeld identifiziert: die Vereinbarkeit von Beruf mit Betreuungsaufgaben für pflegebedürftige Angehörige.

Personen, die mit Betreuungsaufgaben/Pflichten für Angehörige konfrontiert und zugleich im Beruf aktiv sind, sind einer Mehrfachbelastung ausgesetzt. Das kann schwerwiegende Folgen bis zum Verlust der Arbeitsfähigkeit nach sich ziehen. Zusätzlich zu der ohnehin belastenden persönlichen Situation, reagiert das Arbeitsumfeld oft mit Unverständnis auf plötzlich veränderte Verhaltensweisen der pflegenden Person. Die bisher motivierte Kollegin oder der verlässliche Kollege ist nun unkonzentriert, verspätet sich oder fehlt unerwartet, ohne dass diese veränderte Verhaltensweise erklärt werden kann. Über die Betreuungsaufgabe für einen pflegebedürftigen Angehörigen wird am Arbeitsplatz oder mit den Vorgesetzten oft nicht gern gesprochen, da das Thema im Gegensatz zur Kinderbetreuung nicht positiv belegt ist.

Das Ziel des Projektes war daher zunächst für die schwierige Situation der pflegenden Angehörigen zu sensibilisieren. Die strategische Entscheidung der Vizerektorin für Personal und Gender, Anna Steiger, sich dem Thema zu widmen, wurde in der zweiten Projektphase von einem Bottom-up-Prozess begleitet, mit dem Ziel nachhaltige Maßnahmen zu entwickeln.

Der Projektstart erfolgte im Herbst 2013 mit einer Informationsveranstaltung zum Thema Pflege, zu der alle interessierten TU-Beschäftigten eingeladen wurden: Im Rahmen des 1.TU Wien-Familientages am 18. September 2013 fand ein eigener Themenblock rund um das Thema „Pflegende Angehörige“ statt. Externe Kooperationspartner_innen wie die Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger und Sozial Global informierten vor Ort.

Auf vielfachen Wunsch der Beschäftigten wurde an der TU Wien die Vernetzungsplattform für pflegende Angehörige „Mehr als ich kann“ gegründet. In vier Workshops (März, September, Dezember 2014 und April 2015) wurden Antworten auf die Frage erarbeitet: Welche Unterstützung brauchen Beschäftigte der TU Wien mit pflegebedürftigen Angehörigen?

Das Ergebnis:

  • arbeitsrechtliche Möglichkeiten ad hoc aus berechtigtem (Pflege-) Grund nicht am Arbeitsplatz zu erscheinen
  • Freistellung zur Betreuung eines/einer Angehörigen, auch wenn diese/r nicht im gleichen Haushalt lebt
  • Sensibilisierung der Führungskräfte
  • Wunsch, die Workshopreihe für pflegende Angehörige fortzusetzten
  • eine Intranetseite im Web einzurichten mit allen wichtigen Informationen

 

In der dritten Phase wurden die Maßnahmen implementiert. So wurden parallel zum laufenden Prozess gezielte Maßnahmen im Bereich der Personalentwicklung und der betrieblichen Gesundheitsförderung gesetzt: MAG – das Mitarbeiter_innengespräch mit einem besonderen Fokus auf Personen mit Betreuungsaufgaben, individuelle Beratungsangebote für Beschäftigte mit Mehrfachbelastung und die Aufnahme des Themas „Pflegende Angehörige“ in den TU-Gesundheitstag (weitere Informationen zu den Maßnahmen im Bereich der Personalentwicklung: Heidemarie Pichler, Leiterin der Personalentwicklung und betriebliche Gesundheitsförderung)

Der Prozess wurde über die gesamte Projektdauer sowohl TU Wien intern als auch nach außen kommuniziert:

Intern über diverse Onlinemedien wie TU|frei.haus, Mailverteiler für Interessierte, TU-News oder mittels Informationsgesprächen und Vorträgen der Vereinbarkeitsbeauftragten im Betriebsrat für das wissenschaftliche Personal an den Fakultäten für Bauingenieurwesen, Informatik, Architektur und Raumplanung. Alle wichtigen Kontaktdaten und Informationen wurden in der Broschüre „Vereinbarkeit ein TU-Leben lang“ zusammengefasst.

Extern: Vereinbarkeitsnetzwerke an österreichischen Universitäten (UniKid, Website des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft), Best Practice am Forum Alpbach 2015 und im Rahmen der 2. Jahrestagung Charta Familie in der Hochschule an der Universität Hohenheim. Bis Ende 2015 wurden fast alle Maßnahmen umgesetzt oder werden gerade implementiert.

Einer dieser Maßnahmen ist die vom Betriebsrat (Ewald Haslinger) und Stabstelle für Arbeitsrecht (Ute Koch) ausgearbeiteten und am 17.12.2015 unterschriebene Betriebsvereinbarung über die Erweiterte Pflegefreistellung zur Betreuung eine/r nahen Angehörigen.

Weitere Informationen:
Ewa Vesely
Vereinbarkeitsbeauftragte der TU Wien
tucare@tuwien.ac.at

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