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Nr. 46

„Was haben eine Allee, eine Bergstraße und das Mitarbeiter_innengespräch miteinander zu tun?“

Sabine Pum | Personalentwicklung und Betriebliche Gesundheitsförderung
Personalentwicklung, TU Wien am 6. März 2018. TUW Mitarbeiter_innen finden sich in der Resselgasse zusammen um gemeinsam mit Georg Hafner, externer Arbeitspsychologe der TU Wien (von IBG Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement) als Experte, und Sabine Pum aus der Personalentwicklung, das Mitarbeiter_innengespräch (MAG) in einem vertraulichen, ehrlichen Setting zu durchleuchten. Nachdem Ziele, Vertraulichkeit und Rahmenbedingungen geklärt wurden, startet die Runde in die Diskussion:

Bild: Pixabay

Sabine Pum, Moderation: Vielen herzlichen Dank für Eure Zeit! Beginnen wir einmal mit der Frage: „Was bringt Ihnen das MAG?“

„sich bewusst aufeinander einlassen“

Wissenschaftliches Personal (WP), Institutsvorstand: Es bringt einen geschützten und formalisierten Raum und Zeit um sich bewusst aufeinander einzulassen. (…) Die Mitarbeiter_innen können Sorgen, Probleme entladen – ich habe aber auch die Möglichkeit strategische Ziele näher zu vermitteln. (…) es ist ein Gegenseitiges.

„die eigene Arbeit im Kontext der Gesamtarbeit (…) sehen“

Allgemeines Personal (AP), Leitung: Es bedeutet, sich abseits vom Tagesgeschäft Zeit zu nehmen, zuzuhören und eben auch die Möglichkeit, als Leiter, die Gesamtperspektive der Organisationseinheit noch einmal kurz zu skizzieren, wo geht’s hin und dem/der Mitarbeiter_in die Chance zu geben (…) die eigene Arbeit im Kontext der Gesamtarbeit der Organisationseinheit zu sehen.

Wissenschaftliches Personal (WP), Institutsvorstand: Es bietet das persönlich Perspektivische für die_den Mitarbeiter_in, aber auch den perspektivischen Kontext der Arbeitsgruppe – das passt sehr schön zusammen, finde ich.

Allgemeines Personal (AP), Mitarbeiter_in: Was ich persönlich als sehr angenehm erlebt habe: wenn man’s ernst nimmt – auf beiden Seiten.

„bewusster Raum (…) für letztendlich Wertschätzung“

Arbeitspsychologe, Georg Hafner: Diesen bewussten Raum schaffen, für letztendlich Wertschätzung. (…) Das heißt, (…) dieses Einlassen aufeinander – hängt von beiden Seiten ab.

Pum: Haben Sie selbst das MAG angenommen?

„das war schon eine Erleichterung für mich“

AP, Leitung: Ich habe erst ein einziges gehabt mit meinem Vorgesetzten, (…) der mir das wirklich von sich aus angeboten hat. Dessen Vorgänger hat das eigentlich nie gemacht. (…) Da war kaum Raum für etwas Persönliches. Ich arbeite schon sehr lange an der TU Wien und hatte eigentlich letztes Jahr mein erstes MAG – also das war schon eine Erleichterung für mich.

Arbeitspsychologe: (…) Wenn es gewünscht ist „von oben“, ist es auch wichtig, dass es gelebt wird „von oben“ (Anm.: in der Hierarchie)

„also mir ist noch keines angeboten worden“

WP, Institutsvorstand: Unsere Evaluation als Wissenschaftler zählt nicht als MAG oder? (lacht) Also mir ist noch keines angeboten worden, muss ich ganz ehrlich gestehen. Ich bin aus einem Unternehmen gekommen, wo das Standard war und ich habe das sehr genossen und so kann ich es natürlich auch leben. Ich glaube, man kann das auch nur ernsthaft oder vernünftig leben, wenn man selber davon profitiert und den Umgang damit gelernt hat.

Pum: Ein gutes Stichwort für die nächste Frage „Was bringt das MAG nicht?“

„ich will nicht das Gefühl haben, da sitzt jemand mit einer Checkliste da“

AP MA_in: Es muss ein Gespräch sein, und ich will als Mitarbeiter_in nicht das Gefühl haben, da sitzt jemand mit einer Checkliste da, und der muss in der Zeit X die Checkliste abarbeiten, damit er für sich fertig wird und für sich ein Protokoll schreiben kann.

(…) Also wenn es Konflikte gibt, dann wirklich zeitnahe ansprechen und nicht aufs MAG vertagen. Es müssen auch Konsequenzen spürbar sein, wenn ich was ausmache. Nicht, dass es drei Tage später schon wieder das gleiche ist. Wenn das herauskommt, dann hat es nicht das gebracht, was es hätte sollen.

„Wichtig ist, dass es von oben gelebt wird und auch glaubwürdig gelebt wird“

Arbeitspsychologe: Wenn sich nichts verändert, kommt es schnell zur inneren Kündigung. Wichtig ist, dass es von oben gelebt wird und glaubwürdig gelebt wird. Die Flexibilität für dieses Gespräch ist auch wichtig. Da fühlt sich der/die Mitarbeiter_in sonst fehl am Platz.

Moderation: Das Instrument bietet aus diesem Grund individuelle Maßschneiderungen (siehe Erläuterungen und FAQs) (…) z. B. Karenz, Elternteilzeit-Fragen, die die Personalentwicklung für das MAG empfiehlt, maßgeschneidert auf die individuelle Lebenssituation.

Pum: Schauen wir zur nächsten Frage: „Wie würden Sie sich eine Führungskraft vorstellen, die das MAG nicht anbietet?“ Haben Sie ein spontanes Bild dazu?

AP Leitung: Ja, Menschen die glauben, es läuft alles auf der Sachebene.

„Führungskräfte die sich davor fürchten“

AP MA_in: Ich kann mir vorstellen, dass es Mitarbeiter_innen gibt, die das so ernst nehmen, dass sie wirklich große Themen auf den Tisch legen würden, und es gibt wahrscheinlich Führungskräfte, die sich davor fürchten.

„Führungskräfte die einen starken Druck von unten und von oben haben“

Arbeitspsychologe: So wie wenn ich nicht zum Arzt gehe, dann habe ich auch keine Diagnose, obwohl es vielleicht da und dort zwickt. Vielleicht auch Führungskräfte, die einen starken Druck von unten und von oben haben. (…) Diese Doppelbelastung kann das natürlich noch erschweren.

WP Leitung: (…) Die sozialen Kontakte waren abends beim Biertrinken oder beim Heurigen und „das muss ja sozial genug sein“. Das ist es aus meiner Sicht eben nicht.

„für das hab ich keine Zeit“

AP MA_in: „Für das habe ich keine Zeit. Des brauch ma net, wir reden ja eh so miteinander“

WP Leitung: Eben, das MAG funktioniert nur vernünftig, wenn die Führungskraft sich damit identifiziert und das auch anbieten will und sich darauf einlässt.

Pum: Was würden Sie Führungskräften raten, die das MAG nicht anbieten?

„eine Bereicherung für die Zusammenarbeit“

WP Leitung: Eine Bereicherung für die Zusammenarbeit. Ich empfinde es wirklich als Bereicherung, wenn man diese Gesprächsebene für sich gefunden hat.

Arbeitspsychologe: Die Führungskraft kann da viel rauslesen – wie geht´s meinem Team, wie geht’s dem einzelnen in meinem Team. Wenn diese persönliche Ebene möglich ist, ist die Frage was dann in das Protokoll hineinkommt?

Pum: das Gesprächsprotokoll bleibt nur bei der unmittelbaren Führungskraft und dem/der Mitarbeiter_in, wird nicht an Dritte weitergegeben, und ist vertraulich zu behandeln.

Pum: Gibt’s auch ein Bild zu Personen, die das MAG anbieten? Ganz objektiv gesehen?

AP MA_in: Menschen die an anderen Menschen interessiert sind.

„Menschen die ihre Führungsfunktion ernst nehmen“

WP Leitung: Menschen die ihre Führungsfunktion ernst nehmen, grade im wissenschaftlichen Bereich – zum einen bin ich in die Rolle „Management“ gedrückt, zum anderen wird erwartet, dass ich exzellente Wissenschaft leiste – und beides unter einen Hut zu bringen finde ich persönlich sehr schwierig. Dann muss man sich überlegen – nehme ich diese Führungsfunktion ernst? Dann muss man sich auch darauf einlassen.

„jemand der sieht, dass man’s nur gemeinsam schaffen kann“

AP Leitung: Jemand der sieht, dass man’s nur gemeinsam schaffen kann, dass man im selben Boot sitzt.

Pum: Wenn das MAG eine Straße wäre, wie würde sie dann aussehen?

AP Leitung: Keine Autobahn, wo man in eine Richtung dahinflitzt, wo man die Abfahrt versäumt, sondern eher was mit Geschwindigkeitsbeschränkungen.

„einen Schritt raus zu machen aus dem Fluss des alltäglichen Verkehrs“

„eine Kommunikations-insel, die gut geschützt ist“

AP MA_in: (…) Eine Allee, (…) durchaus Verkehr, aber in einem überschaubaren Rahmen. Wo man sich nicht fürchten muss unter die Räder zu kommen, sondern wo´s Inseln gibt – einen Fußgängerbereich. Wo man gut vorankommen kann, wo man dann in den Verkehr wieder einsteigen kann. Wo auch mal ein Expresstaxi kommt, wenn mal was dringend notwendig ist. Wo’s aber Rastplätze, Ruheinseln gibt, wo man sich zusammensetzen kann. Und einmal im Jahr ist’s Zeit um sich dort zu treffen, einen Schritt raus zu machen aus dem Fluss des alltäglichen Verkehrs. Eine Kommunikationsinsel, die gut geschützt ist.

WP Leitung: Ich seh es (Anm.: das erste MAG) eher wie ein Kreisverkehr mit extrem vielen Ausfahrten, wo man mal guckt und den Stil des gemeinsamen Gesprächs erstmalig herausfindet – und irgendeine Ausfahrt nimmt man – mal sind´s die ausführlichen, mal die kurzen knappen.

„Eine Straße (…) die möglicherweise uneinsichtig ist am Anfang“

„Wenn man ganz oben ist, hat man so einen Rundumblick“

Arbeitspsychologe: Eine Straße die holprig ist oder gewisse Schlaglöcher hat, die möglicherweise uneinsichtig ist am Anfang. Vielleicht gibt’s gewisse Hinweisschilder „Achtung da muss man langsamer fahren“. Es kann aber auch Richtung Bergstraße gehen – das gemeinsame hohe Ziel – gemeinsam will man dort hinauffahren – mit Stationen, wo man stehen bleiben kann: Da sind wir jetzt, da drüben sind Wolken, dort die Sonne. Je weiter man hochkommt, desto klarer ist die Sicht. Gemeinsam am Weg Richtung Ziel. Wenn man ganz oben ist, hat man so einen Rundumblick– dort hängen die Wolken (Konflikte) in die andere Richtung sieht man die Sonne oder zurück auf die Straße die man gemeinsam hochgefahren ist.

„Gemeinsam am Weg Richtung Ziel“

Wir bedanken uns sehr herzlich bei den Teilnehmer_innen der Gruppendiskussion und wünschen weiterhin erfolgreiche MAGs!

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