Rundschau
Nr. 51

Kunst anschauen

Doris Hotz | Forschungsbereich Angewandte Geometrie

Bald kommen die Tage „zwischen den Jahren“, für die man sich meist vornimmt, all das endlich zu machen, wofür im Alltag keine Zeit bleibt.
Kunst anschauen, zum Beispiel.

Albertina

Albrecht Dürer, Flügel einer Blauracke, um 1500, Aquarell und Deckfarben, mit Deckweiß gehöht © ALBERTINA, Wien

Albrecht Dürer

Die großen Wiener Museen ermöglichen eine Vielzahl von Entdeckungen: Allen voran die Albertina mit einer Dürerausstellung, bei der Hase, Rasenstück und Co zu sehen sind, aber auch der Weg des Künstlers anhand einer noch auf Dürer selbst zurückgehenden Sammlung von Zeichnungen, Drucken, Entwürfen und Gemälden nachgezeichnet wird. Hier findet man viele „Lieblingskunstwerke“, z. B. eine Maria mit Kind, die mit ihrem Jesusknaben in eine Ideallandschaft mit vielen Tieren hineingezeichnet wurde. Oder ein Aquarell, kaum DIN A4 groß, auf dem ein toter Vogel, eine Blauracke, abgebildet ist. Die luftigen Federn des Tiers sehen aus, als hätte es eben noch geatmet. Geht man nahe genug heran, kann man entdecken, dass die feine Zeichnung nicht nur mit Deckweiß, sondern auch mit Gold gehöht wurde. Ein Blaurackenflügel ist eines der Plakatsujets, die auf die Ausstellung hinweisen.

In der Ausstellung sind den Gemälden manchmal Zeichnungen beigesellt, die als Vorstudien gefertigt waren. So kann man vergleichen, wie die Zeichnung dann doch vom Endergebnis abweicht, wie sich Malerei und Zeichnung in ihrer Wirkung unterscheiden, und dabei in ein immer tieferes Schauen hineingeraten.

Bildershow & Video: www.albertina.at/ausstellungen/albrecht-duerer

Albrecht Dürer, Das große Rasenstück, 1503, Aquarell und Deckfarben, mit Deckweiß gehöht © ALBERTINA, Wien

Unteres Belvedere

Wolfgang Paalen, „Paysage totémique“, 1938, Privatsammlung Paris. Privatsammlung / Private collection, courtesy of Malingue S. A. © Succession Paalen, The Wolfgang Paalen Society e.V.

Wolfgang Paalen

Ebenso viele glückliche Stunden kann man in den Ausstellungen verbringen, die das Untere Belvedere gerade zeigt. Mich hat besonders die große Wolfgang Paalen-Ausstellung fasziniert, da ich vorher noch nichts von dem surrealistischen Maler gesehen hatte, obwohl es schon 1993 eine Ausstellung in Wien gab. Paalen, 1905 im Otto-Wagner-Haus in der Köstlergasse geboren, entschied sich schon früh, sein Leben der Malerei zu widmen. Er war umfassend gebildet und ging, wie damals üblich, nach Paris. Dort traf er Bréton, begeisterte sich für den Surrealismus und indigene Kunst und gestaltete mit Marcel Duchamp, Man Ray und Salvador Dalí 1938 die bahnbrechende Surrealismus-Ausstellung in der Galerie Beaux-Arts.

Sein starkes Interesse für nordwestamerikanische Kunst mündete schließlich in eine Reise nach Westkanada. Dort traf er nicht nur Angehörige indigener Völker und konnte ihre teils zerstörten Kultplätze und Totempfähle sehen, er konnte – es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise („Great Depression“) und die Leute waren bitterarm – auch einige Stücke erwerben, die er dann in sein Atelier in Mexiko integrierte. Dorthin war er auf Einladung von Frieda Kahlo gelangt – gerade rechtzeitig, um dem Holocaust zu entkommen. Sein kurzes Leben war zeitweise von schweren Depressionen geprägt. Seine Bilder sind immer vieldeutig und traumgleich. Mit Kerzenruß schuf er ephemere „Fumagen“, die er zum Teil wieder mit traumhaften Szenen übermalte, aus Schwämmen baute er ein Schirm-Objekt, eine „Uhr“ hat statt der Ziffern Augen und an Stelle der Zeiger findet man Federn. 1942-44 gab er fast im Alleingang die Zeitschrift DYN heraus, und inspirierte mit seinen Schriften junge amerikanische abstrakt-expressive Maler wie Robert Motherwell, Jackson Pollock, Barnett Newman und Mark Rothko.

1959 schied er aus dem Leben. Die Ausstellung lässt dieses schaffensreiche Leben nun – auch unter Einbeziehung von Videos – anhand seiner Werke für uns sichtbar werden.

www.belvedere.at/wolfgang-paalen-1905-59

Johanna Kandl

Wer nach einem Spaziergang im Kammergarten wieder erfrischt ist, der sollte unbedingt die Ausstellung von Johanna Kandl in der „Orangerie“ des Unteren Belvedere besuchen. „Material. Womit gemalt wird und warum“ ist die Ausstellung übertitelt. Nicht nur eigene Werks Kandls, sondern auch zahlreiche Gemälde aus der Sammlung des Belvedere werden mit den darauf verwendeten Grundstoffen in Beziehung gesetzt – und lenken so den Blick auf die Materialität der Malerei, die ansonsten oft durch die Konzentration auf das Dargestellte überwunden wird.

Kandl hat sich auf Exkursion zu den Quellen der seit Jahrhunderten benutzten Malmaterialien begeben und Ursprungsorte und Produzenten von Rotmarderpinsel, Leinen, Terpentin und Mastix aufgesucht. Mit von der Partie waren ihr Mann, die beiden arbeiten schon seit Jahren als Duo, und ein Kameramann, der die Begegnung mit den Produzenten filmte. Es lohnt, sich auch hier Zeit für die Videos zu nehmen: Man kann die Herstellung von Kolinsky-Aquarellpinseln verfolgen oder die Produktion von Brauntönen aus verschiedenen Erdsorten miterleben – Sand wird von riesigen Baggern hin und hergeschoben, mehrfach gesiebt, gebrannt …

www.belvedere.at/johanna-kandl

Johanna Kandl, Ohne Titel (Detail), 2017; Privatbesitz Johanna Kandl © H&J. Kandl, 2018. Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

MUMOK

Heimrad Bäcker

Erschütternd und sehr empfehlenswert ist die Ausstellung der Bilder, die aus dem fotografischen Nachlass von Heimrad Bäcker, der mir bisher als Schriftsteller bekannt war, stammen. Seit den 1960er Jahren, also lange vor der erst in den 1980er Jahren einsetzenden breiten öffentlichen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich, dokumentierte Bäcker das Gelände der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen. Man sieht auf den Fotos Brachliegendes, auch von Pflanzen Überwuchertes – und das scheinbar Harmlose, Beiläufige erschreckt zutiefst. Die Bilder geben einen guten Einblick in Bäckers Herangehensweise und können ergänzend zu seinen Textarbeiten nachschrift und nachschrift 2 gesehen werden. An einer Computer-Karte kann man einzelne Gebäudeteile der Lager sehen und anklicken.

Ein etwas weniger beschwerter Zugang zu Bäckers Lebensthema, der Beschreibung der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie, gelingt über ein Video, in dem ein Zeitzeuge nicht direkt nach seinen Erlebnissen befragt wird, sondern aufgefordert ist, einem Klang-Techniker einzelne Töne aus seiner Arbeitslager-Erinnerung zu beschreiben. Daraus ergibt sich dann die klare Beschreibung einzelner Erinnerungsbilder.

www.mumok.at/de/events/heimrad-baecker-0

Ebenfalls aktuell im MUMOK:

Alfred Schmeller – das Museum als Unruheherd

Weiterlesen bei „Kunst zum Anfassen“: https://freihaus.tuwien.ac.at/kulturtipps-51-anfassen/

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