Rundschau
Nr. 48

Wiener Fotoausstellungen und Flatrate im Volkstheater

Doris Hotz | Institut für Diskrete Mathematik und Geometrie

MORIZ NÄHR | Selbstbildnis in seinem Wohn- und Arbeitsraum | um 1908 © Klimt-Foundation, Wien, Inv. Nr. 188/031 | Foto: Klimt-Foundation, Wien

Fotoausstellungen in Wien

Lange hat es gedauert, bis in Wien die Fotografie als eigenständige Kunst wahrgenommen wurde. Umso mehr hat man derzeit das Gefühl, dass man „überall“ Fotoausstellungen zu sehen bekommt: Gerade gab es in der Albertina eine Retrospektive des österreichischen Fotografen Alfred Seiland, der auch als Werbefotograf erfolgreich war. Nun folgt die Helen Levitt-Retrospektive, die die wichtigste US-Vertreterin der Street-Photography der 1930er Jahre und frühe Vertreterin der „New Color Photography“ mit ihren Bezügen zu Zeitgenossen in den Fokus rückt. Levitt war beispielsweise angeregt von dem um 10 Jahre älteren Walker Evans, als sie damals die Menschen in der New Yorker U-Bahn mit versteckter Kamera fotografierte. Ihm ist in der Galerie Johannes Faber auch eine Ausstellung gewidmet: „Walker Evans. Photographs 1930-1975“. Ganz im Gegensatz dazu präsentiert die Schau „Stillleben. Eigensinn der Dinge“, die derzeit im Kunsthaus Wien zu sehen ist, heutige Positionen unterschiedlicher FotografInnen, die das Genre Stillleben neu erlebbar machen.

Zurück in die Zeit um 1900 reisen wir im Leopold-Museum. Neben seiner Neuaufstellung der Werke von Egon Schiele („Egon Schiele Die Jubiläumsschau“; noch bis März 2019) und einem neuen Schwerpunkt der Klimt-Ausstellung („Gustav Klimt – Jahrhundertkünstler“, noch bis 4. November 2018) gibt es hier gleich zwei sehenswerte Fotoausstellungen. Beide haben einen Bezug zu Klimt, beide sind noch bis zum 29. Oktober zu sehen. Zum einen die Ausstellung über den Fotografen Moriz Nähr, der so eng mit Klimt befreundet war, dass er 20 Jahre lang fast täglich mit ihm gefrühstückt hat. Zum andern die Ausstellung über Dora Kallmus mit dem Titel „Machen Sie mich schön, Madame d‘Ora“: mit Gustav Klimt habe sie ihr erstes Künstlerporträt geschaffen, heißt es da, ihr letztes sei das von Picasso gewesen.

Sehr schön illustrieren die beiden Ausstellungen wie unterschiedlich Fotografie genutzt werden kann: Während Kallmus ihre Modelle spektakulär als Stars inszenierte, wirken die Bilder von Nähr zurückhaltend. Er hatte Malerei studiert und hat – anders als die Pictorialisten, die anfangs mit ihrer Fotografie der Malerei nacheiferten – die Fotografie genutzt, um Menschen, Gassen und Natur in klaren Bezügen zueinander abzubilden. Auch Porträts gibt es viele, beispielsweise von ihm selbst als „ernsthafter Zeitgenosse“ oder in „Nestroypose“. Einige seiner Porträtfotos fanden weite Verbreitung und sind uns auch heute sehr geläufig: die der Secessionisten, Gustav Mahler als Operndirektor oder Ludwig Wittgenstein im Profil. Auch das sehr intim wirkende Foto, auf dem Gustav Klimt dem Betrachter mit einem Kätzchen auf dem Arm entgegentritt, stammt von Nähr. Im Gegensatz dazu gibt es repräsentative Fotografien einer standesgemäßen habsburgischen Jagdpartie. Die Familie Wittgenstein wurde auf vielfältige Weise abgelichtet, denn Karl Wittgenstein war ein wichtiger Förderer Nährs. Ein merkwürdig unscheinbares Exponat ist ein kariertes Büchlein, in dem Ludwig Wittgenstein diese Familienfotos in kleinem Format ganz pragmatisch und wenig „kunstsinnig“, wohl zum erinnernden Gebrauch, eingeklebt hatte. Auch das neu erbaute Wittgensteinhaus in der Parkstraße hat Nähr klar wie eine Architekturzeichnung festgehalten. Bezüge zu anderen Fotografen der Zeit runden die Ausstellung ab.

Gleich nebenan erlebt man bei „Machen Sie mich schön, Madame d‘Ora“ die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im Spiegel der Gesellschaftsfotografie. Der Lebensweg der Dora Kallmus von Wien nach Paris, wo sie als Gesellschafts- und Modefotografin schon in den späten 1920er Jahren reüssierte, wird nachgezeichnet – inklusive der Wirren des 2. Weltkrieges. Am meisten beeindruckt hat mich ein Porträt des schlafenden Maurice Chevalier, mit dem sie eine lange Freundschaft verband und von dem es eine ganze Reihe von Porträts gibt, sowohl privat als auch als Schauspieler in diversen Rollen. Schier unglaublich schön und dadurch für Betrachter trotz des dahinterliegenden Schreckens zugänglich sind ihre 1947 entstandenen Schlachthof-Bilder, die sie 1958 gemeinsam mit Porträts jüdischer Zeitgenossen in einer Ausstellung zeigte – mit Verweis auf die Nazi-KZs als Tötungsmaschinen. In diesem Zusammenhang ist auch die Ausstellung „Porträts der Entwurzelung. D’Oras Fotografien in Österreichischen Flüchtlingslagern 1946-1949“ von großem Interesse, die man noch bis 7. November im Photoinstitut Bonartes gegen Voranmeldung sehen kann.

Um diesen kurzen Überblick über derzeit stattfindende Fotoausstellungen in Wien abzurunden, seien hier noch zwei weitere erwähnt: Die Leica Galerie in der Walfischgasse zeigt einen Pionier des englischen Bildjournalismus: Kurt Hutton, geboren als Kurt Hübschmann in Straßburg, der auch Benjamin Britten fotografisch begleitet hat. Und schließlich kann man sich im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in „Photo/Politics/Austria“ auf eine umfassende fotografische Zeitreise begeben – durch Österreichs Geschichte der letzten 100 Jahre.

Links zu den erwähnten Ausstellungsorten:

Theatertipp – Herbstflatrate im Volkstheater:

Ein ungewöhnliches Angebot gibt es derzeit im Volkstheater: zum Fixpreis von 96 Euro kann man für alle Vorstellungen – ob im Volkstheater, der Roten Bar, im Volx/Margareten oder in den Bezirken – Restkarten an der Abendkassa bekommen. Es gibt keine Vor-Reservierung. Man kauft die Fixpreis-Karte an der Volkstheater-Tageskassa, sie ist nicht übertragbar und nur gültig in Verbindung mit einem amtlichen Lichtbildausweis.
Derzeit stehensehenswerte Aufführungen am Spielplan, die alle mit dieser Einmalzahlung besucht werden könnten: „Verteidigung der Demokratie“, eine Politshow mit Musik, „Der Weibsteufel“ von Karl Schönherr, Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ in der Regie von Direktorin Anna Badora, die „Komödie im Dunkeln“ von Peter Shaffer, der beliebte Georg-Kreisler-Liederabend „Wien ohne Wiener“ von Puppenspieler Nikolaus Habjan mit Franui sowie die österreichische Erstaufführung des Musicals „Lazarus“ von David Bowie und Enda Walsh.

Ganz besonders zu empfehlen ist der wenig bekannte kleine Spielort Volx/Margareten in der Margaretenstr. 166.Hier bekommt man Unerwartetes in guter Qualität zu sehen und ist dabei ganz nah am Geschehen. Man kann sich schon jetzt auf den „Albanischen November“ freuen, eine Veranstaltung im Rahmen des Kulturjahres Österreich-Albanien. Außerdem werden unter dem Titel „Werte Familie“ Macht-Spiele einer unheiligen Familie gezeigt, die von Jessica Glause zusammen mit dem Ensemble entwickelt wurden. Dann gibt es noch zwei Koproduktionen mit dem Max Reinhardt Seminar: Der großartig gespielte Monolog „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ von Milo Rau sowie „Planet der Waffen- Zaun und Zeit“, eine Uraufführung von Johannes Schrettle.

www.volkstheater.at

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