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Nr. 44

Anekdota: Der Bauingenieur Kujtim Ali Beqiri – Eine albanische Biographie

Paulus Ebner | Universitätsarchiv

Staatspräsident Nishani überreicht den Orden an Kadri Beqiri, den Sohn Ali Beqiris.

Staatspräsident Nishani im Kreis der Familie Beqiri.

Sohn und Enkel Beqiri bei der Ordensverleihung.

Am 20. Juni 2017 wurde der höchste albanische Orden „Ehre der Nation“ posthum an den Bauingenieur Dipl. Ing. Kujtim Ali Beqiri verliehen. Der albanische Staatspräsident Bujar Nishani überreichte die Auszeichnung stellvertretend an die Familie des an unserer Universität ausgebildeten Ingenieurs.

Das kurze Leben von Kujtim Ali Beqiri (in unseren Akten „Kujtim Beqir“) war eng mit der Technischen Hochschule in Wien verbunden. Er wurde am 23. Februar 1916 in Vlora (in unseren Akten findet nur die italienische Bezeichnung „Valona“ Verwendung) geboren und stammte aus einer muslimischen Familie.

Erst vier Jahre vor seiner Geburt war Albanien vom Osmanischen Reich unabhängig geworden, doch der Verlauf des 1. Weltkriegs ließ den jungen Staat gleich wieder zerfallen. In den frühen 1920er Jahren konsolidierte sich das Staatswesen wieder.

Ob es die traditionell guten Beziehungen zwischen Österreich und Albanien (Österreich hatte 1912/13 die albanischen Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützt) waren, die den jungen Kujtim auf die Idee brachten, ausgerechnet in Österreich zu studieren, lässt sich nicht rekonstruieren. Tatsache ist, dass er 1935 in Waidhofen an der Thaya die Reifeprüfung abgelegt und nach seiner Zulassung im Wintersemester 1936/37 das Studium des Bauingenieurwesens an der TH in Wien begonnen hat. Besonders attraktiv präsentierten sich die österreichischen Hochschulen für ausländische Studenten in diesen Jahren des Kaputtsparens der Universitäten aber nicht: So war Beqiri 1936 einer von nur zwei albanischen Studenten an der TH und der einzige Moslem an der Fakultät für Bauingenieurwesen. Er war den österreichischen Studierenden gleichgestellt und von der Studiengebühr befreit.

Sein Studium absolvierte der junge Albaner in der Mindestzeit. Am 31. Oktober 1938 legte er die I. Staatsprüfung mit „Sehr gutem Erfolg“ ab, am 25. Juli 1940 dann die II. Staatsprüfung. Somit erwarb er den Titel eines „Diplom Ingenieurs“.

Nach Beendigung des Studiums ging er in seine Heimat zurück, obwohl es den albanischen Staat inzwischen nicht mehr gab. 1939 hatten die italienischen Faschisten das Land besetzt, den König vertrieben, eine Marionettenregierung eingesetzt und von hier aus 1940 den Krieg in Griechenland angezettelt.  Beqiri war von 1940 bis 1944 in führender Rolle an wichtigen Bauvorhaben tätig und gründete eine Familie.

Nach der Vertreibung der italienischen und deutschen Truppen etablierte sich bereits ab 1944 ein kommunistisch geprägtes Regime unter Enver Hoxha, das sehr schnell zur Einparteiendiktatur wurde und alle potentiellen Gegner verfolgte.

Beqiri konnte zunächst als Experte weiterarbeiten, er war sogar leitender Ingenieur bei einem großen Prestigeprojekt des kommunistischen Albaniens, der Trockenlegung der Maliq-Sümpfe in der Korca-Region. 1946 wurde er unter fadenscheinigen Anschuldigungen verhaftet, in einem Schauprozeß, der vom 6. bis 19. November dauerte, zum Tode verurteilt und am 22. November gehängt. Ein Schicksal, das seit den späten 1920er Jahren Technikern und Ingenieuren, besonders wenn sie im Westen ausgebildet worden waren, in allen stalinistischen Regimes drohte.

In den letzten Jahren haben sich Angehörige von Beqiri und auch die albanische Botschaft an das Universitätsarchiv gewandt, um Details zu seinem Leben in Österreich zu erfahren. Wir danken ihnen und insbesondere Dr. Artan Canaj für die so ausgetauschten Informationen!

 

Fotos © Albanische Botschaft

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