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Nr. 51

ANEKDOTA: Wegweisend für musikalischen Genuss – zum 250. Geburtstag der Klavierbauerin Nanette Streicher

Alexandra Wieser | Archiv

Lange bevor eine institutionalisierte technische Ausbildung existierte, gab es immer wieder Frauen, die sich in männerdominierten Bereichen durchsetzen konnten und unbeirrbar ihren Weg gingen – eine von ihnen war die Klavierfabrikantin Nanette Streicher. Aber was hat das mit der TU Wien zu tun ?

Maria Anna, genannt Nanette, wurde am 1. Februar 1769 in Augsburg geboren. Ihr Vater, der berühmte Augsburger Klavierbauer Johann Andreas Stein, der unter anderem Klaviere für Wolfgang Amadeus Mozart baute, unterrichtete sie schon als kleines Kind im Klavierspiel. So spielte sie gemeinsam mit Mozart auch Klavierkonzerte. Doch Stein kümmerte sich nicht nur um die musische Ausbildung seiner Tochter, sondern auch um die handwerkliche. Schon früh erlernte sie den Klavierbau und half in der Werkstatt mit, sodass sie nach dem Tod des Vaters 1792 seinen Betrieb übernehmen und weiterführen konnte.

Zwei Jahre später, 1794, heiratete sie den Musiker Andreas Streicher und zog mit ihm nach Wien. Dort führte sie den Betrieb zunächst gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Matthäus Andreas unter dem Namen „Frère et Soeur Stein d’Augsbourg à Vienne“ weiter. Im Laufe der Jahre kam es jedoch immer wieder zu Streitigkeiten, bis sich die Geschwister beruflich trennten und Nanette die Klavierbauerwerkstatt ab 1802 schließlich allein weiterführte. Ab diesem Zeitpunkt stand auf den Emailleschildern der ausgelieferten Instrumente „Nannette Streicher neé Stein à Vienne“, und ihre Werkstatt wurde zu einem der europaweit bedeutendsten Klavierbauunternehmen.

Der gute Ruf der Streicher’schen Instrumente begründete sich nicht nur auf einer qualitätsvollen Ausführung der Klaviere, sondern auch auf verschiedenen technischen Innovationen. Bereits in Augsburg hatte Nanettes Vater ungewöhnliche Instrumente, wie etwa ein aus einem Hammerklavier und einem darüber montierten Cembalo bestehendes „Poli-Toni-Chlavichordium“ angefertigt. Es ist anzunehmen, dass Nanette diesen „Erfindergeist“ geerbt und in der Wiener Werkstatt weiter an Neuerungen gearbeitet hat. So war die weit verbreitete „Wiener Mechanik“ eine Entwicklung von Nanette und Andreas Streicher, die Adaption einer Prellmechanik, die bereits von ihrem Vater in Augsburg gebaut wurde.

1823 trat der Sohn Johann Baptist in die Firma ein und in den folgenden Jahren entwickelten sie mehrere Erfindungen, die sie auch patentieren ließen. Von den insgesamt fünf Streicher’schen Erfindungsprivilegien (so der damalige Terminus), die sich heute – wie alle Österreichischen Erfindungsprivilegien vor 1850 – im Archiv der TU Wien befinden, wurde Privileg Nr. 2715 vom 14. Juni 1831 von Nanette und ihrem Sohn gemeinsam eingereicht. Es handelte sich um eine Verbesserung der englischen Klaviermechanik, die zwar einen vollen, lauten Klang hervorbrachte, jedoch einiger Kraftanstrengung beim Spielen bedurfte. Klaviere mit Wiener Mechanik waren leichtgängiger zu spielen, jedoch vergleichsweise leiser. Die eingereichte Konstruktion sollte „die leichte brilliante Spielart der Wiener Mechanik mit der Kraft der englischen verein[en]“, so der Kurztext des Patentantrags. Neben einer ausführlichen Beschreibung war dem Privileg auch eine detaillierte Zeichnung beigelegt.

Die Streichers beschäftigten sich aber nicht nur mit dem Klavierbau, sondern gestalteten aktiv das Wiener Musikgeschehen. Sie zählten zu den Mitbegründern der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (heute besser bekannt als Wiener Musikverein) und veranstalteten eigene Konzerte. Diese fanden zunächst in ihren Wohnräumen statt, ab 1812 in einem eigens errichteten „Klaviersalon“ in ihrem Haus in der Ungargasse im dritten Bezirk, wo sich auch die Werkstatt befand. In dem etwa 300 Zuhörer_innen fassenden Saal wurde auch jungen Künstler_innen die Möglichkeit geboten vor einem größeren Publikum aufzutreten. Die Streichers pflegten Kontakte zu international bekannten Musikern, so bestand etwa eine lebenslange Freundschaft mit Ludwig van Beethoven, der auch ein gern gesehener Gast bei den Konzerten war.

Nanette Streicher verstarb am 16. Jänner 1833, ihr Ehemann Andreas nur etwas mehr als vier Monate nach ihr. Ursprünglich wurden beide am St. Marxer Friedhof bestattet. Als dieser 1863 aufgelassen werden musste, bettete man sie auf den Matzleinsdorfer Friedhof um. Ihre tatsächlich letzte Ruhestätte fanden sie im Oktober 1891 gemeinsam mit ihrem Sohn Johann Baptist in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof.

Nanette Streichers beruflicher Werdegang beeindruckt noch heute: Eine Frau, die sich in einem traditionell männerdominierten Handwerk nicht nur zu behaupten wusste, sondern mit ihren Instrumenten zu den besten Klavierkonstrukteur_innen ihrer Zeit zählte.

Beschriftung: Priv.Nr. 2715, Zeichnung © Archiv TU Wien

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