Campus
Nr. 48

Die Tagebücher eines umtriebigen Technikers

Alexandra Wieser | Universitätsarchiv

Josef Stummer von Traunfels (1808–1891)

Josef Stummer wurde am 18. März 1808 als Sohn eines Baumeisters in Korneuburg geboren. In den Jahren 1823 bis 1827 studierte er an der technischen Abteilung des polytechnischen Instituts, der heutigen TU Wien, zeitgleich absolvierte er eine Maurerlehre im Betrieb seines Vaters, danach wechselte er an die Akademie der Bildenden Künste, um bei Peter Nobile Architektur zu studieren. 1831 kehrte er ans polytechnische Institut zurück und wurde Assistent für Baukunst. Diese Stelle hatte er bis 1835 inne und bereits ein Jahr später erfolgte seine Berufung zum Professor für Bauwissenschaften und Baubuchhaltung. Stummer war aber nicht nur als Lehrender tätig, sondern immer wieder auch als Architekt an zahlreichen Bauprojekten beteiligt. Bereits 1836 begann der umfangreiche Ausbau des Hauptgebäudes am Karlsplatz unter seiner Leitung. Stummer gestaltete die Quertrakte und den Mitteltrakt zwischen Hof 1 und 2, den Panigl-, den Lammtrakt sowie den Pavillon im Hof 2. Dieser Pavillon wurde extra für die 2. Gewerbsproduktenausstellung 1839 errichtet und später für Unterrichtszwecke adaptiert; heute befindet sich dort der Hörsaal VII.

Josef Stummer spezialisierte sich von Anfang an auf das Entwerfen von technischen Nutzbauten, wie etwa dem Bahnhof der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, dem Regierungsgebäude der Niederösterreichischen Statthalterei in der Herrengasse oder der Hauptpost am Fleischmarkt. Darüber hinaus war er auch im administrativen Dienst bei verschiedenen Eisenbahngesellschaften tätig, z. B. war er ab 1843 Direktor der Kaiser Ferdinands-Nordbahn (die von Wien bis nach Krakau ging) und ab 1856 Vizepräsident der Carl Ludwig Bahn (die Strecken in Galizien, heute in Polen und in der Ukraine). Nach mehr als 30 Jahren als Professor am polytechnischen Institut ging Stummer auf eigenen Wunsch 1867 in den vorzeitigen Ruhestand, um ausschließlich für die Eisenbahn tätig sein zu können.

Zehn Jahre später begann er mit dem Verfassen seiner umfangreichen Tagebücher, in der uns heute vorliegenden Form. Unter Verwendung früherer Notizen berichtete er sowohl von privaten als auch beruflichen Ereignissen aus seinem Leben und seinem Umfeld. Hierbei handelt es sich um eine Sammlung von zwölf Bänden, einem Reisetagebuch und einem Band mit Literaturzitaten sowie zwei Indices. Zeitlich gehen die Aufzeichnungen bis ins Jahr 1849 zurück und wurden bis kurz vor seinem Tode fortgeführt. Man findet darin Erinnerungen an Ausflüge, wissenschaftliche Vorträge, zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, aber auch Krankheitsfälle in der Familie und sogar den Beginn einer Liebesbeziehung.

Er berichtete z. B. von einem Ausflug auf den Semmering vom 6. bis 8. September 1854. Stummer besichtigte mit seiner Familie und dem Professor für Darstellende Geometrie Johann Hönig die gerade eröffnete Semmeringbahn. Am 7. September 1854 führten einige am Bau beteiligte Ingenieure, ehemalige leider nicht namentlich genannte Schüler, durch den Bauabschnitt von Gloggnitz bis zum Haupttunnel. Vielleicht war einer davon der spätere persische Gesandte und österreichische Honorarkonsul Gasteiger Khan. Einige Jahre nach seinem Studium, von 1850 bis 1854, war Albert Gasteiger als Ingenieurassistent beim Bau der Semmeringbahn tätig. Aus einem späteren Tagebucheintrag aus dem Jahr 1873 geht hervor, dass sich die beiden Herren näher gekannt haben.

Der ehemalige Schüler Rudolf Sonndorfer hielt in Stummers Wohnung an drei Sonntagen im Winter 1863 für „14 bis 15 junge Damen, welche öfter zu Unterhaltungen zu uns kamen“ Vorträge über Astronomie. Diese sollten so neben „Tanz- und Spiel-Unterhaltungen“ auch „bisweilen populärwissenschaftliche Vergnügungen erhalten“, so Stummer in seinem Tagebucheintrag vom 16. März 1863.

Auch seine beruflichen Erfolge fanden ihren Niederschlag, wie z. B. die von ihm verfasste „Bildliche Darstellung der Geschichte der Kaiser Ferdinands-Nordbahn“, ein geschichtlicher Abriss der Entwicklung der Bahnlinie, der nationale und internationale Anerkennung erntete. Im Rahmen der Generalversammlung der Bahn am 27. April 1853 wurde das sogenannte „Nordbahn-Tableau“ prämiert und beschlossen, es vervielfältigen zu lassen. Hierfür verlieh ihm Kaiser Franz Joseph 1855 die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, auf den zwei Weltausstellungen in Paris 1855 und in London 1862 erhielt der Autor jeweils die Medaille I. Classe. Ein ganzes Buch widmet Stummer der Eröffnung des Suez-Kanals am 17. November 1869 und seiner teilweise recht mühevollen Reise durch Ägypten, die er im Anschluss daran unternahm.

Neben den beruflichen Ereignissen hielt Stummer aber auch zwischenmenschliche Beziehungen für erwähnenswert, so konnte sich manchmal aus freundschaftlichen Zusammenkünften auch mehr ergeben. Der aufmerksame Beobachter schrieb am 15. April 1863 von einem „zarten Verhältnis“ zwischen seinem Assistenten der Landbauwissenschaft, Eduard Stix, und seiner Nichte Auguste Krause, „welches in kürzerer Zeit eine förmliche Bewerbung von Seite Stix zur Folge haben dürfte.“ Stummer sollte Recht behalten: im April 1864 hält Stix um ihre Hand an.

Die Tagebücher von Josef Stummer von Traunfels geben spannende Einblicke in einen großbürgerlichen Haushalt des 19. Jahrhunderts und in das ausgefüllte Leben eines viel beschäftigten Mannes, der sowohl in der technischen Ausbildung als auch in der Praxis „daheim“ war.

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