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Nr. 50

ANEKDOTA: Professor an der TH Wien und letzter Finanzminister der Monarchie – zum 150. Geburtstag von Josef Redlich

Alexandra Wieser | Archiv

Josef Redlich © Archiv TU Wien

Josef Redlich war nicht nur Jurist, Historiker, Politiker und Mitglied in zahlreichen Kommissionen, er war auch Universitätsprofessor an der Technischen Hochschule Wien. Geboren am 18. Juni 1869 in Göding (heute: Hodonin in Tschechien) besuchte er gemeinsam mit seinem Bruder Fritz das Akademische Gymnasium in Wien. Nach der Matura studierte er Jus an der Wiener Universität, aber auch in Leipzig und Tübingen. 1891 schloss er das Studium ab und erlangte 1901 mit seinem Buch „Die englische Lokalverwaltung“ internationale Beachtung.

Der Experte für Verwaltungsrecht hielt als Privatdozent ab 1901 Vorlesungen an der Universität Wien, 1903 konvertierte er vom jüdischen zum evangelischen Glauben und wurde 1906 zum außerordentlichen Professor ernannt. Redlich beschäftigte sich aber nicht nur theoretisch mit Verwaltungsrecht, er wollte die staatliche Verwaltung auch praktisch mitgestalten. 1906 Mitglied des mährischen Landtags, wurde er 1907 auf der Liste der deutsch-freisinnigen Partei in den österreichischen Reichsrat gewählt. Trotz politischer Verpflichtungen engagierte er sich nach wie vor in der Rechtslehre und erhielt am 1. Oktober 1909 an der TH Wien eine ordentliche Professur für Verwaltungs- und Verfassungsrecht. Neben diesen beiden Fächern umfasste seine Lehrverpflichtung auch noch öffentliches und privates Versicherungsrecht sowie zeitweise eine Spezialvorlesung über Wasserrecht.

Redlich war bereits während seiner Lehrtätigkeit so gefragt, dass er 1910 an der Havard University und an der State University of Illinois Vorträge über österreichisch-ungarisches Staatsrecht hielt; hierfür ließ er sich von der Hochschule beurlauben. Neben seinen Lehrverpflichtungen in Wien begann er zeitweise auch an den renommierten US-amerikanischen Universitäten Vorlesungen über Verwaltungs- und Verfassungsrecht zu halten und konnte so wichtige Kontakte knüpfen.

Als Rechtsexperte und Politiker mit großem Fachwissen war er international hoch angesehen und genoss auch in Österreich einen guten Ruf, zählten doch Persönlichkeiten wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr oder Hugo von Hofmannsthal zu seinen Freunden und Bekannten. Er versuchte stets, politische Ämter und Lehre in gleichem Maß zu bewältigen. Als ihn jedoch Kaiser Karl I. am 27. Oktober 1918 zum k. k. Finanzminister bestellte, musste er seine Lehrverpflichtung an der TH „mit schwerem Herzen“ beenden. Er hoffte jedoch, „den Interessen der Technischen Hochschule in Wien jederzeit nützlich zu sein“, wie er in seinem Brief an den Rektor Karl Zsigmondy am 29. Oktober 1918 schrieb. Sein neues Amt konnte er allerdings aufgrund der politischen Geschehnisse nicht lange ausführen: Am 3. November 1918 kapitulierte Österreich-Ungarn und am 11. November unterzeichnete der Kaiser seinen Verzicht auf die Staatsgeschäfte.

Mit dem Ende der Monarchie ging auch Redlichs politische Karriere vorerst zu Ende. Seine Expertise wurde zwar sehr geschätzt, er wurde aber immer nur als Berater konsultiert, daher konzentrierte er sich nun auf seine Lehrtätigkeit in Übersee. Er pendelte zwischen Österreich und den USA, hielt zahlreiche Vorträge und unterrichtete ab 1926 als ordentlicher Professor vergleichendes Staats- und Verwaltungsrecht an der Harvard University in Cambridge. Ein letztes Mal kehrte er aufs politische Parkett in Österreich zurück: Im Juni 1931 übernahm Redlich noch einmal das Amt des Finanzministers. Der Zusammenbruch der Creditanstalt löste eine allgemeine Wirtschaftskrise aus und er, der mittlerweile auch Ersatzrichter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag war und das Vertrauen von Bundeskanzler Buresch sowie der westlichen Staaten genoss, sollte den österreichischen Staatshaushalt sanieren. Seine Vorstellung eines Sparpakets stieß jedoch auf massiven Widerstand, weswegen er bereits im Oktober 1931 sein Amt zurücklegte. In seiner kurzen Amtszeit konnte er die Reorganisation der Creditanstalt in wesentlichen Punkten zu Ende führen.

Neben den zahlreichen Rechtstexten sind Redlichs Tagebuchaufzeichnungen, die er von 1909 bis zu seinem Tode 1936 führte, besonders interessant. Er beschreibt darin nicht nur das Auseinanderbrechen des habsburgischen Vielvölkerstaates, sondern gibt auch vielfältige Einblicke in gesellschaftliche Verflechtungen und brisante politische Geschehnisse der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Die dreibändige Edition der Tagebücher ist eine spannende Lektüre und aktueller denn je.

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