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Nr. 51

Nicht nur ein „Mailüfterl“

Juliane Mikoletzky | Archiv

© Archiv der TU Wien | Nachlass Heinz Zemanek

Zum 100. Geburtstag des Computerpioniers Heinz Zemanek

Am 1. Jänner 2020 wäre der österreichische Computerpionier Heinz Zemanek 100 Jahre alt geworden – Grund genug, um an diese faszinierende Persönlichkeit zu erinnern, die auch mit der TU Wien über viele Jahrzehnte als Student, Forscher und Lehrender verbunden war. [Abbildung 1]

Viele werden bei seinem Namen vor allem das „Mailüfterl“ assoziieren, den ersten volltransistorisierten dezimalen Computer auf dem europäischen Kontinent. Er wurde von Zemanek und seinem Team in den 1950er Jahren am Institut für Niederfrequenztechnik/Fernmeldetechnik II der damaligen TH in Wien entwickelt und gebaut. Aber das war nur eine Facette eines Wissenschaftlers, dessen Lebensspanne fast das ganze 20. Jahrhundert über alle historischen Brüche und Umbrüche hinweg umfasste. Denn er hat sich stets nicht nur für fachwissenschaftliche Themen, sondern auch für philosophische, historische, politische, gesellschaftliche, religiöse und musische Fragen interessiert und dazu aktiv Stellung genommen.

Geboren wurde Heinrich Josef Zemanek, so sein vollständiger Name, am 1. Jänner 1920 in Wien. Hier besuchte er die Schule und maturierte 1937 mit Auszeichnung an der Gumpendorfer Realschule (heute BRG 6 Marchettigasse). Hier schloss er sich auch den St. Georgs-Pfadfindern an. Aus dieser Verbindung erwuchsen nicht nur lebenslange Freundschaften. Ihr verdankte er auch die Möglichkeit, früh erste Auslands- und Führungserfahrungen zu sammeln: Schon 1937, mit 17 Jahren, vertrat er Österreich als stellvertretender Delegationsleiter auf einem Jamboree in Vogelenzang/Niederlande.

Im Wintersemester 1937/38 inskribierte er an der damaligen TH in Wien Elektrotechnik mit dem Schwerpunkt Nachrichtentechnik. Wie bei vielen Angehörigen seiner Generation wurde sein Studium 1940–1945 durch die Einberufung zur Deutschen Wehrmacht unterbrochen. Nach verschiedenen Stationen auf dem Balkan als Nachrichtentechniker und Lehrer in der Armeenachrichtenschule in Saloniki wurde er 1943 in die Rüstungsforschung dienstverpflichtet, zunächst bei der Reichsstelle für Hochfrequenzforschung in Reichenau am Semmering, ab Juli 1944 bei der Zentralversuchsstelle für Hochfrequenzforschung in Ulm-Dornstadt. In dieser Zeit stellte er auch seine Diplomarbeit unter Betreuung von Richard Feldtkeller/Uni Stuttgart fertig und legte während eines Studienurlaubs Ende 1944 in Wien seine II. Staatsprüfung ab.

Nach seiner formellen Entlassung aus der Wehrmacht Ende April 1945 konnte Zemanek im Februar 1946 nach Wien zurückkehren. Dort entschied er sich bald für eine akademische Karriere: Im Juli 1947 begann er als wissenschaftliche Hilfskraft am damaligen Institut für Schwachstromtechnik der TH in Wien, wo er 1951 über „Zeitteilverfahren in der Telegraphie“ promovierte und sich 1959 mit einer Arbeit „Zur Störverminderung imperfekter Schaltnetzwerke“ habilitierte. [Abbildung 2]

Abb. 2, Zemanek im Labor an der TH Wien © Archiv der TU Wien | Nachlass Heinz Zemanek

Abb. 3, das „Mailüfterl“ an der TH Wien © Archiv der TU Wien | Nachlass Heinz Zemanek

In den 1940er Jahren waren Fragen der elektronischen Datenverarbeitung und der Bau von Computern bereits an Universitäten und bei einigen Firmen ein Thema, insbesondere in den USA und in Großbritannien. Auch am Institut in Wien wurden kleinere elektronische Rechenmaschinen und kybernetische Maschinen zu Studienzwecken nachgebaut. Anregungen bot Zemanek ein Studienaufenthalt in Paris 1948/49, wo er Louis Couffignal am Institut Blaise Pascal besuchte, der damals mit dem Bau eines eigenen Computers begann. Spätestens ab 1951 stellte Zemanek selbst erste konkrete Überlegungen zum Bau eines großen Computers an. Den Anstoß für eine praktische Umsetzung gab 1954 die Verleihung des Förderungspreises des Theodor-Körner-Stiftungsfonds in Höhe von beachtlichen ÖS 30.000 an Zemaneks damaligen Vorgesetzten, Prof. Eugen Skudrzyk, mit dem Auftrag, eine große elektronische Rechenmaschine zu bauen. Mit dieser Aufgabe wurde Zemanek betraut. Zwar war die Fördersumme bei weitem nicht ausreichend für ein solches Vorhaben, doch es gelang ihm in der Folge, viele notwendige Bauteile, z. B. Transistoren, als Sachspenden von verschiedenen Firmen zu „erbetteln“ sowie weitere Subventionen und Förderstipendien einzuwerben. Damals begann auch die Zusammenarbeit mit Konrad Zuse und seiner Firma in Deutschland.

Noch wichtiger war, dass es Zemanek gelang, aus interessierten Studenten (es waren wirklich nur Männer) durch Vergabe von Diplomarbeiten zu Teilproblemen ein Team zu bilden – eine Arbeitsform, die damals an Universitäten durchaus noch unüblich war. Dabei konnte er wohl auch von dem Freiraum profitieren, den ihm die Abwesenheit seines Chefs verschaffte: Skudrzyk befand sich ab 1954 zu einem längeren Forschungsaufenthalt in den USA, der 1956 in seine dauerhafte Auswanderung mündete; Zemanek hatte zeitweise die Aufgabe, seine Vorlesungen zu supplieren.  [Abbildung 3]

Abb. 4, das „Mailüfterl“-Team IBM © Archiv der TU Wien | Nachlass Heinz Zemanek

Im Mai 1958 war der Rechner funktionsfähig. Erste Rechenaufträge wurden ausgeführt, u.a. schon 1958 Primzahlberechnungen sowie 1959 die Berechnung von Alltonreihen für den Komponisten Hanns Jelinek. Bald waren die Ambitionen der Gruppe jedoch über den Rahmen, der an einem Hochschulinstitut realisiert werden konnte, hinausgewachsen. Aufgrund der Kontakte, die Zemanek infolge seiner Arbeiten hatte knüpfen können, gelang 1961 der Transfer des gesamten Projekts, einschließlich vieler Mitarbeiter, zur Firma IBM. Dort wurde das „Mailüfterl“ noch einige Jahre genutzt, bis es 1965 endgültig nicht mehr funktionsfähig war. Nach der Ausmusterung des Rechners bei IBM 1966 ging er zunächst an die JKU Linz, ab 1973 an das Technische Museum Wien, wo das „Mailüfterl“ bis heute zu sehen ist.

Für Zemanek begann mit dem Übertritt zu IBM, zunächst als Leiter einer Forschungsgruppe und ab 1964  als Direktor des Wiener Forschungslabors, ein neuer beruflicher Abschnitt. Zu den am Labor durchgeführten Projekten gehörten die Entwicklung des Sprachausgabegeräts Vocoder (für das schon an der TH Wien Vorarbeiten geleistet worden waren), vor allem aber der Einstieg in die Softwareprogrammierung mit der Entwicklung der Programmiersprache PL/I und der „Vienna Definition Language“ (bzw. Method).
Konzerneigene Strategieänderungen bei IBM führten ab Mitte der 1970er Jahre zwar noch nicht zur Auflösung, aber doch zu einer Änderung der Arbeitsaufträge an das Wiener Labor und zur Ablösung von Zemanek als Direktor. Er wurde 1976 zum IBM Fellow ernannt und konnte sich damit einer Forschungsaufgabe eigener Wahl widmen. Er wählte das Thema einer Theorie des Systementwurfs, das er „Abstrakte Architektur“ nannte. Bis zu seiner Pensionierung 1985 verfasste er dazu zahlreiche Beiträge, seine abschließende Darstellung wurde leider niemals publiziert.

Neben seiner Tätigkeit bei IBM hielt Zemanek an der TH/TU Wien seit 1959 als Dozent, seit 1964 als Titularprofessor bis 2007/08 regelmäßig Vorlesungen. Dabei wandte er sich bald von der Nachrichtentechnik ab und Themen der Kybernetik, des Verhältnisses von „Mensch und Computer“, und der Geschichte der Informatik zu; gerade dieses Thema konnte er als jemand, der fast alle Größen der noch jungen Disziplin persönlich gekannt hatte, besonders kompetent und auch unterhaltsam vermitteln. Dazu betreute er zahlreiche Diplomarbeiten und Dissertationen, außerdem war er als Gastvortragender an anderen Universitäten – u. a. an der TU München, der Universität Stuttgart und der Donau-Universität Krems – verpflichtet. [Abbildung 4]

Bedeutend war Zemaneks Wirken als Wissenschaftsorganisator: Er war seit ihrer Gründung 1959 in der International Federation for Information Processing (IFIP) engagiert, 1967/68 als Mitglied des IFIP Council, 1971-1974 als Präsident und nicht zuletzt 1961-1967 als Chair des wichtigen Technical Committee on Programming Languages (TC2). Dabei hat er seit den 1960er Jahren besonders die Kontakte zu den Kollegen in der Sowjetunion und in Osteuropa gepflegt. Daneben wirkte er an der Organisation mehrerer Kongresse und Working Meetings mit, wobei er etwa durch die Initiierung der Kongress-Serie „Human Choice an Computers“ schon in den 1970er Jahren den Fragen der Wechselwirkung von Computer und Gesellschaft eine Diskussionsplattform schuf.

Ebenso war er bei der Gründung der Österreichischen Computergesellschaft (OCG) 1975 maßgeblich beteiligt, 1975/76 als Gründungspräsident, danach lange als Vorstandsmitglied. In Anerkennung seiner Verdienste stiftete die OCG 1985 den Heinz Zemanek-Preis.

Umfangreich war auch Zemaneks Tätigkeit als Autor und als Herausgeber von Fachzeitschriften (Elektronische Rechenmaschinen/it/itti, Annals of the History of Computing, Abacus) sowie als Herausgeber von Publikationsreihen für IBM, für die IFIP (darunter mehrere Jubiläumspublikationen) und für die OCG.

Aber seine Interessen und seine Schaffenskraft reichten weiter: Besonders die Vor- und Frühgeschichte des Computers und des automatischen Rechnens hat Zemanek sehr früh angezogen. Angeregt durch US-amerikanische Vorbilder, die er auf seinen häufigen Reisen kennen gelernt hatte, versuchte er sich schon 1973 an einer Visualisierung der Geschichte der Informationsverarbeitung. Er konzipierte eine Präsentation, die die verschiedenen Wurzeln der Computer- und Informationstechnik und ihre historischen und philosophischen Hintergründe darstellen sollte, in Form einer „Geschichtswand“.  Auch in seinem beruflichen Umfeld setzte er sich für die Bewahrung von Dokumenten und Artefakten zur Geschichte der Informationstechnik ein. Im Rahmen der OCG ging die Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Informatik-Geschichte (ÖGIG) 1996 auf seine Initiative zurück. Auch seine Mitwirkung an der Ausstellungskonzeption der Technischen Museen in Wien, München und Paderborn geht auf sein Interesse an der „Computergeschichte“ zurück, wobei er inzwischen bald selbst als Zeitzeuge auftreten konnte.

In seinen eigenen historischen Forschungen zeigte er sich vor allem biographisch interessiert. Den Vorläufern und „Pionieren“ des Computers von Wilhelm Schickhardt über Otto Schaeffler zu Hermann Hollerith widmete er zahlreiche biographisch-historische Studien, ebenso den Vordenkern der mathematischen Grundlagen wie dem arabischen Mathematiker Al-Khorezmi.

Darüber hinaus hat Zemanek sich schon früh für theoretische und philosophische Fragen der sich entwickelnden Informationstechnik und Informatik und verwandter Gebiete, wie Kybernetik, Mathematik, Kalenderwesen interessiert. Intensiv beschäftigt haben ihn insbesondere das Verhältnis von Computer und Kunst, Computer und Sprache (hier vor allem im Zusammenhang mit dem „Wiener Kreis“) sowie generell von Technik- und Naturwissenschaften zu philosophischen und Glaubensfragen. Zu all diesen Aspekten hat er auch publiziert und zahlreiche Vorträge gehalten.

Geistige Anregungen, aber auch Ressourcen für die Verfolgung dieser vielfältigen Interessensgebiete erhielt Zemanek durch sein außerordentlich umfassendes persönliches Netzwerk. Die Mitgliedschaft in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen sowie in mehreren  Wissenschaftlichen Akademien brachte ihn immer wieder in Kontakt mit anregenden Gesprächspartner_innen: Unter anderem gehörte er seit 1979 der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als korrespondierendes, seit 1984 als wirkliches Mitglied an. Schon seit 1971 war er, aufgrund seiner musikalischen Interessen insbesondere für elektronische Musik, Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. [Abbildung 5]

Auch die zahllosen Reisen in alle Welt, die Zemanek in seiner dienstlichen Tätigkeit und als Verbandsfunktionär unternahm, brachten ihm immer wieder neue Anregungen und persönliche Kontakte. Er hat diese aber auch intensiv gepflegt, wie seine außerordentlich umfangreiche Korrespondenz bezeugt, die fast seine gesamte Lebenszeit umfasst. Sie enthält neben privaten Kontakten Schriftwechsel mit Wissenschaftler_innen verschiedenster Disziplinen, insbesondere jenen, die im Bereich der Informatik und Informationstechnik seiner Zeit von Bedeutung waren. Darunter finden sich prominente Namen von Pionieren wie Isaak L. Auerbach, Roberto Busa SJ oder Konrad Zuse und von Wissenschaftlern wie Heinz von Foerster, Benoît Mandelbrot, Carl Menger, Oskar Morgenstern und Joseph Weizenbaum. Darüber hinaus hat Zemanek auch mit zahlreichen Philosoph_innen, Komponist_innen und Künstler_innen korrespondiert, darunter dem Komponisten Gottfried v. Einem, Lotte Ingrisch, dem Pianisten Hans Kann oder der Tänzerin und Kabarettistin Cilli Wang.

Seine Leistungen haben Zemanek eine fast unüberschaubare Anzahl von Ehrungen und Auszeichnungen eingebracht, von denen hier nur einige wenige genannt werden sollen: dazu gehören Ehrenmitgliedschaften in zahlreichen Fachvereinigungen und die Ehrendoktorate der Johannes-Kepler-Universität Linz 1982 sowie der Universität Erlangen-Nürnberg 1986. Die TU Wien hat Zemanek 1978 mit der Verleihung der Prechtl-Medaille geehrt, im Jahr 2000 wurde der Heinz-Zemanek-Saal nach ihm benannt.

Heinz Zemanek verstarb am 16. Juli 2014. Sein umfangreicher Nachlass befindet sich im Archiv der TU Wien, seine wissenschaftliche Büchersammlung wird in der Bibliothek der TU Wien verwahrt.

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