Campus
Nr. 48

Anekdota: Friedrich Kraus, ermordet in Auschwitz

Paulus Ebner | Universitätsarchiv

Bisher ist es nicht gelungen, ein Porträtfoto von Friedrich Kraus zu finden. Deshalb an dieser Stelle der Gedenkstein, der vor dem Haus Brigittenauer Lände 20 angebracht wurde. (Foto: Györik)

Im Zweiten Weltkrieg gerieten einige Angehörige und Absolvent_innen der Technischen Hochschule in Wien trotz geglückter Emigration durch das Vordringen der deutschen Armeen in die Fänge der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Als einen von vielen sei hier an den Lebensweg des 1904 in Wien geborenen Friedrich Kraus erinnert.

Kraus‘ Bildungskarriere war durchaus ungewöhnlich: Er war ein Werkstudent im klassischen Sinn. Sein Studium diente der Vertiefung des Wissens auf dem Feld, in dem er beruflich tätig war. 1922 hatte er an der Bundesrealschule Wien XIX maturiert, danach begann er zu arbeiten. 1929 trat er in das „Textiltechnische Büro und Maschinengeschäft Koref“ in der Servitengasse ein, wo sein Vater Leopold als Oberbuchhalter beschäftigt war. Im selben Jahr heiratete er Gisela Bettelheim, die ebenfalls bei Koref arbeitete.

Neben der Arbeit begann Kraus im Wintersemester 1931, also neun Jahre nach seiner Matura, ein Maschinenbaustudium an der TH in Wien, das er in der Mindestzeit von fünf Jahren abschließen konnte. Er legte am 6. Juli 1936 die II. Staatsprüfung ab und war somit berechtigt den Standestitel „Ingenieur“ zu führen.

Im „Büro Koref“ konnte er sein erworbenes Wissen einsetzen und seine textilchemischen Kenntnisse erweitern. Dabei stand ihm seine Frau zur Seite, die zwar keine akademische Ausbildung hatte, aber – folgt man Zeitzeugen – über eine große Expertise über die chemische Zusammensetzung von Stoffen verfügte und eng mit ihrem Mann zusammenarbeitete. Nach dem „Anschluß“ gelang dem Ehepaar Kraus die Emigration nach Frankreich. Aufgrund ihrer ausgezeichneten Qualifikationen konnten beide in ihrer Branche Fuß fassen und wurden von der in Avignon (im zunächst nicht von der Wehrmacht besetzten Teil Frankreichs) ansässigen Firma Naquet angestellt. Welche Position sich Kraus bei Naquet erarbeiten konnte, zeigt nicht zuletzt der Umstand, dass die Firma sogar auf ihrem Briefpapier angab, das von ihm entwickelte technische Verfahren („Procédés F. Kraus, Ingenieur Diplomé“) einzusetzen.

Bei einer der vielen antijüdischen Razzien des Jahres 1942 geriet auch Kraus in die Fänge der französischen Kollaborateure der Nazis. Er wurde verhaftet, Ende August im Lager Les Milles interniert und über das Sammellager Drancy am 7. September nach Auschwitz deportiert, wo er am drei Tage später ermordet wurde. Mit dem gleichen Transport wurde auch sein Schwager, der Dentist Rudolf Bettelheim, deportiert und ebenfalls ermordet. Noch während der Zeit der Internierung und der Deportation, ja sogar noch nach seinem Tod (der nicht publik geworden war), hatte die Fa. Naquet mit Bittschreiben an die Präfektur versucht, ihren Mitarbeiter zu retten.

Die schreckliche Geschichte der Familie Kraus ist eine Geschichte der kompletten Auslöschung durch die NS-Mordpolitik: Friedrichs Witwe Gisela wurde im Juni 1943 verhaftet, im Gestapogefängnis von Marseille gefoltert, dann nach Auschwitz deportiert und unmittelbar nach ihrer Ankunft am 25. November 1943 vergast. Friedrichs Eltern Leopold und Malvine waren bereits am 3. Dezember 1941 aus einer Sammelwohnung in der Ägidigasse nach Riga deportiert und dort sofort erschossen worden. 1942 wurden auch der Firmengründer Richard Koref und seine Gattin Rosa deportiert, und zwar nach Izbica, und ebenfalls sofort ermordet. Nur Ing. Ernst Koref gelang die Emigration nach Brasilien.

Dass die Erinnerung an Kraus aufrechterhalten wird, ist nicht zuletzt Wilhelm Bettelheim, einem Neffen von Gisela Kraus, zu verdanken: Auf seinen Informationen baut auch der vorliegende Artikel auf. Das Archiv der TU Wien wird in den nächsten Monaten im Rahmen eines Gedenkportals mit einer Vielzahl von Kurzbiographien versuchen, diese Erinnerung zu fördern und zu unterstützen.

www.meinbezirk.at/brigittenau/lokales/auf-den-spuren-der-vergangenheit-d27957.html

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