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Nr. 36

Anekdota: Eine „Neugründung“ des k.k. Polytechnischen Instituts in Wien?

Juliane Mikoletzky | Universitätsarchiv

Das Organisationsstatut von 1865

Seit den 1830er Jahren wurde für das Wiener Polytechnische Institut zunehmend Reformbedarf konstatiert. Kritikpunkte waren die Inhomogenität der Studierenden nach Alter und Vorbildung, die geringen Möglichkeiten zu wissenschaftlicher Spezialisierung, als veraltet empfundene Lehrmethoden und die fehlende Strukturierung des Studiums (es gab weder Curricula noch formale Studienabschlüsse). Dazu kam wachsender Unmut der Professoren über die Belastung mit „sachfremden“ Aufgaben wie etwa der Begutachtung in Privilegien (Patent-) Angelegenheiten und über mangelnde Partizipationsrechte angesichts der Direktorialverfassung des Instituts.

Die Revolution von 1848 brachte mit der Etablierung des Professorenkollegiums als Beratungsgremium neben dem Direktor zwar einen Fortschritt, die immer dringlichere Modernisierung der Organisation blieb aber vorerst aus. Als vorbildlich galt inzwischen das Fachschulprinzip, wie es erstmals 1832 an der Technischen Schule in Karlsruhe realisiert worden war. Hielt das zuständige Ministerium 1850 die Zeit dafür noch nicht für reif, so richtete es 1859 an die Direktion des Polytechnischen Instituts den Auftrag, Vorschläge für eine Reform zu unterbreiten. Doch erst Ende 1863 legte das Professorenkollegium einen Organisationsentwurf vor. Dieser sah unter anderem eine Neugliederung in vier Fachschulen und eine propädeutische „Allgemeine Abteilung“ statt der bisherigen „Technischen und Kommerziellen Abteilung“ vor, sowie eine wesentliche Umgestaltung des Studiums.

Das Ministerium folgte den Vorschlägen der Professoren weitgehend und erließ mit 17. Oktober 1865, also vor 150 Jahren, ein neues Organisationsstatut, das mit dem Studienjahr 1866/67 in Kraft trat. Es sah eine Gliederung in fünf Fachschulen vor, die Leitung des Instituts lag nun beim Professorenkollegium sowie einem jährlich aus seiner Mitte gewählten Rektor. Die Fachschulen erhielten ebenfalls eine kollegiale Leitung mit einem gewählten Vorstand (ab 1872 Dekan). Für die Aufnahme als Hörer war nun in der Regel ein Maturazeugnis vorgeschrieben, für die Fachschulen wurden Studienpläne erlassen, die bis 1872 obligatorisch waren. Statt einer regulären Abschlussprüfung wurde eine fakultative „strenge Prüfung“ eingeführt, die zur Führung des Titels „diplomierter Ingenieur“ berechtigte.

Damit war das Institut auf seine Kernfunktion als höhere technisch-wissenschaftliche Bildungsanstalt reduziert. Die neue Organisationsstruktur sollte in ihren Grundlinien bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts Bestand haben. Joseph Neuwirths Einschätzung des „Organisatorischen Statuts“ von 1865 als eine Art „Neugründung“ des Wiener Polytechnischen Instituts erscheint also durchaus berechtigt.

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