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Nr. 34

Gastkommentar: Ein Strich macht den Unterschied: Über die Unvereinbarkeit von Gendersensibilität und Binnen-I

Markus Haider | Institut für Energietechnik und Thermodynamik

Markus Haider

Neutrale Sprache und Gendersensibilität bedingen sich gegenseitig und sind untrennbar miteinander verbunden. Ich halte die Grund-Ideen sowohl des Feminismus als auch des Gender-Mainstreaming für richtig, finde die Töchter in der österreichischen Hymne gut und ertrage die „sprachliche Normalität“ des generischen Maskulinums nicht mehr. Von 1994 bis 2006 habe ich im Ausland gelebt und dadurch nicht bewusst wahrgenommen, dass in Österreich manche Organisationen und Personen das Binnen-I institutionalisiert haben. Die Absichten waren und sind wahrscheinlich ehrenvoll. Es ist auch unbestritten, dass das Binnen-I durch seinen hohen Provokationsgrad und die einfache Implementierung dazu beigetragen hat, das Thema der gendersensiblen Sprache einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es zeigt sich aber, dass sich nicht nur bei technischen Geräten, sondern auch in Sprach-Konzepten Konstruktionsfehler nach einer gewissen Zeit gnadenlos offenbaren. Der Konstruktionsfehler des Binnen-I besteht darin, dass die Majuskel „I“ Teil der femininen Endung ist. Die Großschreibung überbetont das Weibliche stark, wodurch vom Maskulinum nichts übrig bleibt. Auch wenn hunderte Male dekretiert wird, Männer seien ebenfalls gemeint, wenn in einem weiblichen Wort der Beginn der weiblichen Endung hervorgehoben wird, so ändert das nichts an dem Eindruck, dass man sich als Mann eher verhöhnt als angesprochen fühlt. Das Binnen-I hat wohl vor allem deswegen so hohen Anklang gefunden, weil es ohne Nachdenken implementiert werden kann. Das Ergebnis entspricht leider auch dieser Denk-Verweigerung. Anstatt die Sprache zu variieren und nach Möglichkeit neutrale Formulierungen zu verwenden, werden Binnen-I-Texte zu einem unerträglichen Einheitsbrei. Ein provokantes generisches Femininum kann als Antwort auf ein zu Recht als ungerecht empfundenes generisches Maskulinum keine Lösung sein. Ich empfinde es als eine Diskriminierungsumkehr. Wer mit dieser Einschätzung nicht einverstanden ist, soll bitte erklären, warum ein mit Binnen-I geschriebenes „KollegInnen“ kein generisches Femininum, ein mit oder ohne Binnen-E geschriebenes „KollegEn“ aber ein generisches Maskulinum sei.

Ich bin für gleiches Recht für alle und verlange von keiner Frau, sich durch ein generisches Maskulinum angesprochen zu fühlen. Ich weigere mich aber, mich angesprochen fühlen zu müssen, weil in einem femininen Wort ein Binnen-Buchstabe großgeschrieben wird und somit das Femininum noch stärker hervorgehoben ist als bei Normalschreibung. Ich fühle mich vielmehr provoziert und lehne diesen neutralitätsfeindlichen sprachlichen Radikalfeminismus ab, welcher verlangt, feminine Endungen zu betonen, ganz egal ob in einem Wort ein gleichberechtigter maskuliner Anteil besteht oder nicht.

Gerade weil ich sehr um Gleichstellung bemüht bin, empfinde ich das generische Majuskel-Femininum als Widerspruch zur grundsätzlichen Notwendigkeit von Feminismus und Gender-Mainstreaming.

Wer solche Kritik an einer von einer zahlenmäßig nicht vernachlässigbaren Bevölkerungsgruppe verwendeten Sprachform übt, muss Alternativen anbieten. Es gibt Alternativen, und sie gliedern sich in zwei Typen.

Typ 1 begnügt sich damit, geschriebene Texte gendersensibel zu gestalten, akzeptiert Sonderzeichen im Wortinneren und verzichtet auf den Anspruch, dass einzelne Wörter ausgesprochen werden können. Es gibt bewährte Lösungen: den Schrägstrich oder den Bindestrich. Formulierungen dieser Art entziehen sich leicht dem Vorwurf, generische Maskulina oder generische Feminina zu sein. Denn diese Genera sind durch die Sonderzeichen gekennzeichnet und können somit weder in die eine noch in die andere Richtung fehlinterpretiert werden. Sie sind zwar nicht schön, aber sie sind neutral. Das Sonderzeichen zwischen maskulinem und femininem Wort-Teil leitet automatisch an, bei der Aussprache entweder umzuformulieren oder zumindest eine kurze Pause (Gender Gap) zu berücksichtigen. Dies ist ein sehr wesentlicher Unterschied zum Binnen-I, wo die Majuskel „I“ zum femininen Wortteil gehört.

Der von mir bevorzugte Typ 2 versucht dem Anspruch gerecht zu werden, auch für die gesprochene Sprache und für Großbuchstaben brauchbar zu sein, und auch die Schriftbild-Entstellung durch Sonderzeichen zu vermeiden. Hier geht es logischerweise nicht ganz ohne Kompromisse, denn sonst wäre die Lösung schon vor langer Zeit gefunden worden. Ich schlage vor, neutrale Formulierungen zu privilegieren (Neutralitäts-Vorrang). Das Spektrum der Möglichkeiten wird enorm erweitert, wenn neben bekannten Umschreibungen (Passiv etc.) auch die substantivierten Partizipien Präsens und Perfekt zugelassen werden. Dies führt zu Pluralformen wie z.B. Autofahrende oder Pensionierte. Grammatik-Begeisterte werden vielleicht die Stirn runzeln. Ich finde jedenfalls, dass sich aus dem Kontext immer zweifelsfrei erkennen lässt, ob ein Zustand oder eine Personengruppe gemeint ist. Das Wort „Studierende“ ist ein Erfolgsbeispiel dieses Typs. Auch ich habe mich eingangs daran gestoßen. An den österreichischen Universitäten hat es sich mittlerweile zu einem unumstrittenen neutralen Plural herauskristallisiert. Es gibt keinen ausreichenden Grund, diesen Ansatz nicht auch auf alle anderen Wörter zu erweitern, die eine Verbalform besitzen (Forschende, Mitarbeitende,…). Das Repertoire neutraler und gendersensibler Plural-Formen nimmt sprunghaft zu und bildet im Verhältnis zur Restmenge eine Mehrheit.

Für die verbleibende Restmenge des Typs 2 gibt es drei Möglichkeiten:

  • es werden beide Geschlechter explizit angesprochen;
  • es werden Schräg- oder Horizontal-Striche des Typs 1 verwendet;
  • es wird eine neue neutrale Endung eingeführt. Für eine solche neutrale Plural-Endung hat es schon mehrere Vorschläge gegeben. Ich füge einen weiteren hinzu: die Plural-Endung (-es) der lateinischen dritten (konsonantischen) Deklination. Diese Deklination deckt sowohl maskuline als auch feminine Wörter ab. Die lateinische Sprache ist eine der Wurzeln der deutschen Sprache. Derartige Pluralformen würden z.B. lauten: Professores, Kolleges, Absolventes, Expertes. In einigen Fällen klingen sie gut, in anderen weniger gut. Ich finde, es ist ein wesentlich weniger starker Eingriff in die deutsche Sprache, für die Lösung eines Gender-Problems eine neue Endung zuzulassen, als die maskuline Komponente zu eliminieren und zusätzlich die Sprache durch lange und provokante –Innen-Zusätze zu entstellen.

Ich erlaube mir noch einen Exkurs zum Thema Binnen-Majuskel: Bei der Einführung des Binnen-I wurde die so genannte Weglass-Probe als Zulässigkeitsprüfung vereinbart, um festzustellen, ob mit einem Binnen-I beide Geschlechter angesprochen werden könnten. Befolgt wird sie in der Praxis leider nur durch eine Minderheit. Unter Berücksichtigung von Neutralitäts-Vorrang und Weglass-Probe wären z.B. die Wörter Bürger-Innen und Techniker-Innen zulässig. Wortstämme wie z.B. Kolleg-, Kund- und Expert- sind aber gänzlich Binnen-I ungeeignet. Wer von der Binnen-Großschreibung fasziniert ist und nicht darauf verzichten will, hätte theoretisch eine gendersensible Lösung: Die Doppel-Majuskel. In den Plurals KollegInnEn, WissenschaftlErInnen, etc. wären explizit sowohl die feminine als auch die maskuline Endung hervorgehoben. Doppel-Nennung ist aber nicht exakt dasselbe wie Neutralität, und aufgrund der Komplexität finde ich einfachere Lösungen wie das lateinische –es zielführender.

Fazit:
Das Binnen-I ist entgegen einer weit verbreiteten Fehl-Einschätzung nicht nur provokant, sondern auch nicht gendersensibel. Ganz im Unterschied zu Lösungen mit horizontalem bzw. schrägem Strich macht das Binnen-I ein Wort zum überbetonten generischen Femininum, welches mit gendersensibler Sprache nicht zu vereinbaren ist. Es gibt einfache und konstruktive Lösungen für eine gendergerechte Sprache ohne Binnen-I und es ist mit etwas gutem Willen leicht möglich, die sprachliche Sexismus-Falle zu vermeiden und somit zur friedlichen Koexistenz von Frau und Mann beizutragen. Wir befinden uns in einer Zeit des sprachlichen Umbruches, die zwangsweise Irritationen generiert, aber auch eine Chance für Verbesserung bietet. Weißer Rauch wird aber zwischen den Geschlechtern nur dann aufsteigen können, wenn das Übel des Binnen-I wieder aus der deutschen Sprache verschwunden ist.

Infobox: Univ. Prof. Dipl. Ing. Dr. Markus Haider, MBA

Markus Haider leitet den Forschungsbereich für Thermodynamik und Wärmetechnik am Institut für Energietechnik und Thermodynamik der TU Wien. Vor seiner Berufung im Jahr 2006 war er ca. 13 Jahre im Ausland tätig (Frankreich, USA, Deutschland).

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