Campus
Nr. 45

Anekdota: Ing. Ernst Winter – Porträt eines Dunera Boys

Elisabeth Lebensaft & Antonia Lehn

Ernst Winter
© Geoff Winter

Ernst Winter wurde am 7. November 1904 in Wien in eine säkularisierte jüdische Familie geboren. Der Vater, KR Julius Winter, war Kaufmann und Vizepräsident des Wiener Kaufmännischen Vereins, die Mutter starb früh. Winter besuchte 1915-1923 das Akademische Gymnasium in Wien, danach die Maschinenbauschule an der TH in Wien, an der er 1930 die II. Staatsprüfung aus Elektrotechnik ablegte.

Von November 1931 bis August 1933 war Winter in einem Forschungslabor in Wien beschäftigt. Im September 1933 entschloss er sich, wohl aufgrund der angespannten wirtschaftlichen und politischen Situation in Österreich (er war Sozialdemokrat), nach Palästina zu emigrieren. Dort heiratete er die Wienerin Gertrude Adler, die Hauptschullehrerin für jüdische Religion war, und konnte beruflich Fuß fassen, unter anderem als Sachverständiger in Versicherungsangelegenheiten.

Nach drei Jahren kehrte Winter mit seiner Frau nach Wien zurück und war als Versicherungsexperte bei der Anglo-Elementar Versicherungs-AG tätig. Der „Anschluss“ Österreichs im März 1938 bedeutete in seinem Leben eine tiefe Zäsur. Ende Juni 1938 von der Anglo-Elementar entlassen, wurde er im Zuge des Novemberpogroms von der SA aus seiner Wohnung vertrieben. Seine intensiven Bemühungen um Ausreise blieben lange erfolglos. Ein Affidavit für die USA wurde von den amerikanischen Behörden nicht akzeptiert, auch seine körperliche Behinderung (ein Arm war von Geburt an deformiert) wurde gegen ihn ins Treffen geführt. Erst Ende Juni 1939 gelang es ihm, jedoch ohne seine Frau, mit einem trainee permit nach England zu entkommen.

Wie die anderen refugees wurde Winter hier vom Kriegsausbruch eingeholt. Ab Mai 1940 kam es zu Masseninternierungen von feindlichen Ausländern, denen auch er zum Opfer fiel. Er wurde Ende Juni im Lager Huyton bei Liverpool interniert und am 10. Juli gemeinsam mit etwa 2.500 Ex-Österreichern, Deutschen und Italienern auf der HMT Dunera auf eine Reise mit unbekannter Destination zwangsverschickt. Die hygienischen Verhältnisse auf dem komplett überbelegten Transporter waren katastrophal; die Männer wurden durch die Wachmannschaft ihrer wenigen mitgebrachten Habseligkeiten beraubt und waren ärgsten Schikanen ausgeliefert. Erst spät stellte sich heraus, dass die Dunera nicht, wie angenommen, Kanada, sondern Australien ansteuerte, das sich bereit erklärt hatte, eine größere Zahl an Internierten von den Briten zu übernehmen.

Im September konnte Winter endlich mit dem Großteil seiner Schicksalsgenossen, die sich später Dunera Boys nannten und unter denen sich auch eine Reihe weiterer Alumni der TH Wien befanden, in Sydney an Land gehen und wurde in das Lager Hay, im Outback von New South Wales, transportiert. Hier war er bis Mai 1941 unter extremen klimatischen Bedingungen interniert, ehe er in das Lager Tatura im Bundesstaat Victoria überstellt wurde.

Wie bereits auf der Dunera bauten die Flüchtlinge in beiden Lagern rasch ein kulturelles und intellektuelles Leben auf. In Lagerschulen wurden wissenschaftliche und praktische Kurse angeboten. Winter engagierte sich aktiv in der Organisation der Schulen und unterrichtete auch selbst, unter anderem technisches Zeichnen und Werkstoffkunde.

Im August 1942 konnte er das Lager on parole verlassen, um in Melbourne eine Stelle als Maschinenbauer anzutreten, wechselte aber schon im folgenden Jahr als Konstruktionszeichner zu einer anderen Firma und schließlich an die University of Melbourne zum Council for Scientific and Industrial Research.

Nach Kriegsende musste Winter erfahren, dass seine Frau und seine nächsten Angehörigen in der Shoah ermordet worden waren. Er entschied sich in Australien zu bleiben und schloss später eine zweite Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen. Beruflich war er bis zu seiner Pensionierung 1969 als Konstrukteur und Maschinenbauer tätig, zuletzt beim staatlichen Commonwealth Department of Supply.

Er verstarb in Melbourne am 24. Jänner 1984. Der aus seiner Heimatstadt Wien Vertriebene hatte in Australien eine zweite, endgültige Heimat gefunden. Nach Österreich ist er nie wieder zurückgekehrt.

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Ernst Winter.
Portrait of a Dunera Boy.

 

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