Forschung
Nr. 38

Dreißig Jahre Tschernobyl, fünf Jahre Fukushima

Florian Aigner | Büro für Öffentlichkeitsarbeit

Vor dem Reaktor in Tschernobyl ist immer noch Radioaktivität messbar

Wenn irgendwo radioaktives Material freigesetzt wird, wollen wir alle wissen: Ist es auch für uns eine Gefahr? Das Atominstitut der TU Wien ist Österreichs führendes Kompetenzzentrum für Strahlenschutz.

Es war der größte nukleare Unfall der Geschichte: Vor dreißig Jahren, am 26. April 1986 wurde am Kernkraftwerk Tschernobyl in der heutigen Ukraine ein Versuch durchgeführt. Man wollte einen Stromausfall am Reaktor simulieren. Allerdings kam es dabei zu schwerwiegenden Verstößen gegen geltende Sicherheitsvorschriften, der Reaktor geriet außer Kontrolle und explodierte.

Die ausgetretene Radioaktivität konnte daraufhin auf der ganzen Welt gemessen werden – auch am Atominstitut der TU Wien, das als Kompetenzzentrum für Strahlenschutz und Radioaktivität damals wie heute eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte.

Die Radionuklide waren da, die Pressemeldung noch nicht

Prof. Helmuth Böck erinnert sich: „Am Samstag kam es zur Katastrophe in Tschernobyl und am Montag konnten wir in Wien bereits einen Anstieg der Radioaktivität feststellen.“ Die offiziellen Stellen in der Sowjetunion hielten sich mit Nachrichten damals noch zurück. Dass es irgendein ungewöhnliches Ereignis gegeben haben musste, wusste man allerdings bereits von Meldungen aus Finnland. Dort hatte man an einem Kernkraftwerk überraschende Daten gemessen: Die Schuhe der Arbeiter wurden dort beim Schichtwechsel routinemäßig auf Radioaktivität untersucht, um sicherzustellen, dass keine radioaktiven Substanzen nach draußen geschleppt werden. Diesmal allerdings fand man Radioaktivität an den Schuhen der Arbeiter, die von draußen hereinkamen.
Nach und nach wurde das Ausmaß der Katastrophe bekannt – unglücklicherweise war die Wetterlage für Österreich damals sehr ungünstig. Der Wind kam von Osten und trieb die radioaktive Wolke nach Zentraleuropa. Wie man damit umgehen soll, war nicht zuletzt eine heikle politische Frage. „Die Gemeinde Wien rief damals bei uns an, und wollte wissen, ob man den traditionellen Maiaufmarsch wie gewohnt abhalten kann. „Professor Erich Tschirf war dagegen“, erzählt Helmuth Böck. „Er riet dazu, den Aufmarsch abzusagen. Doch das kam für die Gemeinde Wien nicht infrage.“ Stattdessen wurden noch in der Nacht vor dem ersten Mai die Straßen der Aufmarschroute mit Wasser gereinigt, um den radioaktiven Staub loszuwerden. Eine gesundheitliche Gefahr für die Bevölkerung bestand nicht.

„Essen Sie das lieber nicht!“

Ein wichtiges Thema war danach allerdings die Frage, wie man mit eventuell kontaminierten Lebensmitteln umgehen soll. So waren beispielsweise Pilze in den Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe besonders stark belastet. „Mengen an Radioaktivität, die gesundheitlich wirklich bedenklich gewesen wären, haben wir zum Glück aber nicht gefunden“, sagt Mario Villa, Strahlenschutzexperte am Atominstitut. „Wir haben damals immer wieder Nahrungsmittel untersucht, die uns von besorgten Bürgern vorbeigebracht wurden. Vom Verzehr abraten mussten wir nur ein einziges Mal – und zwar deshalb, weil die Marmelade schon seit drei Jahren abgelaufen war.“

Knapp fünfundzwanzig Jahre nach Tschernobyl wurde das Kernkraftwerk von Fukushima in Japan durch einen verheerenden Tsunami schwer beschädigt, auch dort kam es zum Austritt von radioaktivem Material. „Allerdings waren die Auswirkungen deutlich weniger gravierend als bei der Katastrophe von Tschernobyl“, sagt Villa. „In Tschernobyl ist der Kern explodiert, dabei wurde Uran und Plutonium freigesetzt. In Fukushima hingegen hatte man es nur mit flüchtigen Radionukliden wie Jod und Cäsium zu tun.“

Die Untersuchungsmethoden waren seit der Tschernobyl-Katastrophe natürlich weiterentwickelt und verfeinert worden. So konnte man genau messen, wie die radioaktiven Substanzen aus Fukushima über Europa wanderten, obwohl ihre Menge extrem gering war. Georg Steinhauser (heute Professor in Hannover, damals an der TU Wien) fand eine besonders elegante Methode, die Radionuklide von Fukushima nachzuweisen: Er untersuchte die Schilddrüsen von Wildtieren, in denen sich die radioaktiven Isotope anreichern. Dort kann man daher Radioaktivität nachweisen, auch wenn nur winzige Mengen radioaktiver Isotope ihren Weg nach Österreich gefunden haben.

„Nach der Katastrophe in Fukushima haben wir auch sehr deutlich gesehen, wie groß das öffentliche Bedürfnis nach kompetenter Information ist“, sagt Georg Steinhauser. „Wir waren damals rund um die Uhr im Einsatz und haben am Atominstitut mit Unterstützung von Studierenden eine Art Informationszentrum eingerichtet. Wir haben Daten gesammelt und analysiert, die Öffentlichkeit Informiert und sind unzählige Male den Medien Rede und Antwort gestanden.“

Keine Verharmlosung und keine Panik

Wichtig ist, Strahlenschutz ernst zu nehmen und die Gefahren radioaktiver Strahlung nicht herunterzuspielen. Andererseits muss man aber auch vor übertriebener Panik warnen. „Es gibt Medienberichte, die behaupten, es hätte sogar in Österreich ‚bis zu 2000 Tote durch Tschernobyl‘ gegeben. Das sind bewusste statistische Manipulationen, die wissenschaftlich in keiner Weise fundiert sind“, meint Helmuth Böck.

„Man muss verantwortungsvoll mit dem Problem umgehen. In Fukushima etwa wird die oberste Bodenschicht abgetragen, dadurch wird die Radioaktivität so weit verringert, dass die Gegend wieder besiedelt werden kann.“ Ob die ehemaligen Bewohner das allerdings wollen, ist eine andere Frage. Sie haben inzwischen ein neues Leben in anderen Städten begonnen – warum sollten sie ihren Lebensmittelpunkt nun abermals ändern und nach Fukushima zurückzukehren? Bei solchen Fragen geht es nicht bloß um Physik und Strahlenschutz, sondern viel mehr um Psychologie und Soziales.

Bild: © Roman Harak – Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Schreibe einen Kommentar