Menschen
Nr. 34

Die erste Geige

Claudia Yamu, Fabian Dembski | Department für Raumplanung

Friedrich Moser: Architekt, Raumplaner, Stadtgestalter, Maler und Musiker

Fabian Dembski und Claudia Yamu im Gespräch mit Prof. Friedrich Moser, Altrektor und Gründungsvater der Örtlichen Raumplanung, zum 40-jährigen Jubiläum an der TU Wien.

Mitarbeit: Hanno Mayregger und Helena Linzer

Was hat Sie motiviert, sich als Vorstand für das damals gerade gegründete Institut für Örtliche Raumplanung1 zu bewerben?  
Die Idee war mehr Freiheit. Die Position an der Universität war damals wesentlich freier als heute, fast grenzenlos und noch ohne Bologna-Doktrin. Ich bin als Einmann-Betrieb ohne Institut eingestiegen, erst nach einem Jahr hatte ich einen Assistenten zur Seite. Für mich war es in den ersten zwei Jahren ein Pionierdasein, aber der Freiheitsgewinn war unglaublich.

Heute leben wir in einer globalisierten Welt. Müssen wir nicht auch in der Raumplanung an der TU Wien dieses Phänomen in der Lehre und Forschung aufnehmen?
Da würde ich sofort die Hand heben und sagen: Vorsicht! Um mit unserer Terminologie in eine andere Planungskultur einzutreten, sind sozial-analytische Vorgänge notwendig. Das ist notwendig, um tatsächlich eine Siedlungsentwicklung einzuleiten, die auch dem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund entspricht. Es hat zum Beispiel keinen Sinn mit unserem Instrumentarium in Afrika zu planen. Stellen Sie sich eine globalisierte Welt vor, wo jede Stadtentwicklung gleich ist! Gibt es so etwas wie eine einheitliche Identität? Ich denke, da gibt es große Unterschiede.

In vielen Metropolen, wie zum Beispiel London findet ein sehr schneller Stadtumbau statt. Diese Dynamik bedeutet immer kürzere Intervalle für das Planen und Bauen. Welche Herausforderungen entstehen dadurch für die Raumplanung?
Das ist natürlich ökonomisch bedingt. Ich nenne immer zwei Begriffe in der Planung: das Erhaltungspotential und das Veränderungspotential. Ich kann das Veränderungspotential nicht getrennt vom Erhaltungspotential betrachten. In einer Stadtentwicklung müssen beide Komponenten klar definiert werden.

Welche weiteren Themen und Problemstellungen stehen an gelöst zu werden? Womit sollte sich die Raumplanung heute befassen?
Die Gestaltungsfrage in der Raumplanung ist für mich das oberste Ziel.
Ob dies in der Raumplanung der letzten Jahrzehnte erreicht wurde, möchte ich dahin gestellt lassen. Das Ziel ist noch immer da, aber es ist noch nicht erreicht. Das bleibt die Hauptfrage der Raumplanung, die immer wieder gestellt werden muss – wie ein Perpetuum Mobile. Nicht nur als Metapher, sondern als wirkliches Kriterium – man darf nicht nur quantifizieren, man muss auch qualifizieren. Das ist noch viel Arbeit.

Sie blicken auf ein sehr erfolgreiches Leben als Architekt, Raumplaner, Stadtplaner, Gründungsvater des Raumplanungsstudiums, Dekan, Rektor und außerdem Künstler, Musiker und Maler zurück. Was sind Ihre persönlichen Highlights?
Die Kreativität war für mich in allen Phasen das Wichtigste. Als ich in Graz das Amt des Stadtplaners übernahm, wollte ich als Verantwortlicher die Stadtplanung als Gestaltungsaufgabe definiert wissen. Von großer Wichtigkeit war für mich immer die Musik. Ich spiele zum Beispiel sehr gerne Streichquartett – die zweite oder erste Geige (lacht). Durch das Spiel habe ich die Chance die Gedanken des Komponisten direkt nachvollziehen zu können. Ich bin jetzt bei den letzten Streichquartetten von Beethoven gelandet.

Sie verbinden unterschiedliche Welten. Das führt zu Poppers philosophischen Ansätzen.
Karl Popper habe ich überrundet (lacht). Popper hat die Drei-Welten-Lehre2, ich habe die vierte Weltentheorie eingeführt: Meine Welt ist die Dynamisierung der drei Welten. Die Veränderung ist für mich die Weiterführung von Poppers Welten.

Hinweis: Das ganze Interview erscheint in der Festschrift 40 Jahre IFOER.

1 Heute Fachbereich für Örtliche Raumplanung (IFOER) am Department für Raumplanung.
2 Die Drei-Welten-Lehre ist eine ontologische Position, die die Existenz dreier Welten annimmt. Diese drei Welten sind die Außenwelt (physikalische Welt materieller Objekte, z.B. Berge, Autos, Häuser), die Welt des Bewusstseins (z.B. Gedanken, Gefühle, Empfindungen) und die Welt der objektiven Gedankeninhalte (z.B. mathematische Sätze). (Wikipedia, abgerufen am 03/03/2015)

Bilder: © Fabian Dembski

Factbox: Friedrich Moser

34_M_moser1Friedrich Moser, Architekt, Raumplaner, Stadtgestalter, Maler und Musiker, wurde 1926 in Spittal an der Drau, Kärnten, geboren. Nach seinem Studium der Architektur an der Technischen Universität Graz promovierte er an der Technischen Universität Wien. Bis 1974 war er Leiter der Stadtplanungsabteilung in Graz und wurde im selben Jahr an das neu gegründete Institut für Örtliche Raumplanung der TU Wien berufen, an welchem er 22 Jahre wirkte. In dieser Zeit war er Dekan der Studienrichtung Architektur und Raumplanung und Rektor der TU Wien.

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