Forschung
Nr. 43

Die Dosis macht’s – Nachbericht 22. TU Forum: „Alles ist auch Chemie“

Christine Cimzar-Egger | Büro für Öffentlichkeitsarbeit

Das 22. TU Forum am 4. Mai 2017 beschäftigte sich mit dem Faktum, dass „alles auch Chemie ist“ und der Frage, ob wir uns deswegen Sorgen machen müssen.

Hört man Alltagsgesprächen zu, so spiegeln sie ein ambivalentes Gefühl zur Chemie wider. Aber ist es berechtigt, dass wir als Durchschnittsbürger_innen diesem Thema durchaus kritisch gegenüberstehen? Oder hören wir da das sprichwörtliche Gras wachsen? Unsere Expert_innen haben am Podium mit dem Publikum und untereinander viele Facetten dieser Wissenschaftsdisziplin und den Einfluss, den sie auf unseren Alltag hat, diskutiert.

Das Universum in der Petrischale

„Das Schöne an der Synthesechemie ist, das wir uns unser eigenes Universum schaffen können. Dabei wollen wir die Natur besser verstehen, sie nutzbar machen“, erklärt Prof. Marko Mihovilovic vom Institut für Angewandte Synthesechemie der TU Wien. Ziel ist dabei neue Werkstoffe aus biologischen Materialien zu schaffen, aber mit verbesserten Eigenschaften. Als Beispiel nannte Mihovilovic Limonen, den Aromastoff der Orange, den man durch synthesechemische Verfahren zu einem Grundbaustoff für Polyester umbauen kann. Oft geht es auch darum, bestehende Materialien mit umweltfreundlichen Methoden umzuwandeln. „Auch wenn wir Methoden für eine ‚grüne Chemie‘ anwenden, wollen wir ein Endprodukt, das mindestens genauso gut ist wie das existierende, idealerweise aber eines mit verbesserten Eigenschaften“, ergänzt Dr. Miriam Unterlass, Universitätsassistentin am Institut für Materialchemie der TU Wien. Das hat schlicht auch mit Akzeptanz zu tun. Wenn das „grüne“ Produkt nicht nur gleich gut, sondern deutlich besser ist als das herkömmliche, hat es eine bessere Chance, sich nachhaltig durchzusetzen.

Überraschungen und Planbarkeit – keine Widersprüche in der Chemie

Mit der anderweitigen Nutzung von Materialien beschäftigt sich auch die Verfahrenstechnik, deren Vertreter Prof. Anton Friedl vom Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und Technische Biowissenschaften der TU Wien am Podium saß. „Wir forschen beispielsweise an landwirtschaftlichen Nebenprodukten wie Stroh, aus denen wir Biomasse gewinnen. Unser Ansatz ist dabei, vermeintliche Abfallprodukte weiterzuverwerten. Dabei erleben wir oft Überraschungen, weil wir ganz andere Ergebnisse erhalten, als wir eigentlich erwarten würden“, so Friedl. Ein gewisser Grad an Überraschung ist Teil der wissenschaftlichen Forschung, ja sogar gewollt, waren sich die Forscher_innen einig. Überraschung findet hingegen Barbara Oberhauser, Managerin bei der OMV AG, aus Sicht der Industrie nicht erstrebenswert. „Wir wollen lieber Planbarkeit, um beispielsweise Produktionsprozesse optimal zu gestalten. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass wir erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt in der Wertschöpfungskette mitmischen“, verdeutlicht Oberhauser ihre Sichtweise. Da sie selbst in der universitären Forschung sozialisiert ist, versteht sie die wissenschaftliche Neugier und die Überraschung bei unerwarteten Ergebnissen gut.

Das Imageproblem der Chemie

Das Publikum wollte nach all den interessanten Berichten zur aktuellen Forschung an der TU Wien wissen, wo die Möglichkeiten der Chemie für die Zukunft liegen. Das Podium war sich einig, dass die Chemie für alle sich stellenden Herausforderungen der Zukunft Lösungen finden wird. „Das hat die Chemie bisher auch geschafft, und zwar in einer unglaublichen Reaktionszeit und Schlagstärke“, gibt sich Mihovilovic von seinem Fach begeistert. Dass sich Österreich besonders im Bereich der Chemie nicht verstecken muss, hat auch nochmals Oberhauser verdeutlicht: „Österreich war das erste Land mit Katalysatorenpflicht, weil wir die ersten mit schwefelfreien Kraftstoffen waren – und das bereits fünf Jahre, bevor es die EU gesetzlich vorschrieb.“

Aber trotz all dieser Vorzeigethemen scheint die Chemie ein Imageproblem zu haben; man denke nur an die landläufige Meinung, dass etwas schlecht sei, wenn Chemie „drinnen“ ist. „Ich denke, dass Chemie in unserem Bildungsweg oft unterrepräsentiert ist, zu wenige Schulstunden dafür eingeplant sind“, meint Mihovilovic kritisch. „Noch dazu ist Chemie eine Art ‚Aufbaumodell‘, das man sich wie ein großes Puzzle vorstellen kann. Im Grunde erkennt man erst am Ende eines Chemie-Studiums das ganze Bild“, ergänzt Unterlass. Möglicherweise liegt auch darin eine Erklärung für das schlechte Image der Chemie. Man bräuchte sich im Grunde nur besser zu informieren, wenn bestimmte Fragen thematisiert werden. „Was meinen Sie zur Aufnahme kritischer Stoffe im Körper?“, wollte ein Gast aus dem Publikum wissen. „Man sollte immer kritisch sein, wenn man solche Themen liest oder hört, sie hinterfragen. Oft kann es schon sein, dass sich seit Festlegung von Grenzwerten einfach die Analytik so deutlich verbessert hat, dass jetzt kleinste Mengen messbar sind, die davor nicht einmal denkbar waren“, erklärt Oberhauser. „Im Grunde ist alles eine Frage der Dosis. Man kann sich sogar mit Wasser vergiften, wenn man über die Maßen viel davon konsumiert. Oder nehmen Sie das Rauchen: Raucher blenden aus, das Nikotin grundsätzlich ein Giftstoff ist. Trotzdem konsumieren sie ihn freiwillig“, meint Mihovilovic. „Und noch dazu gibt es viele Giftstoffe, die aus der Natur kommen. Nehmen Sie beispielsweise Codein oder Strychnin, beides Naturstoffe. Es gibt viel bessere chemische Pendants dazu, aber diese haben eben ein Imageproblem.“

Publikum und Gäste kamen jedenfalls überein, dass vieles zu hinterfragen ist, wenn es um die Chemie geht. Denn auch hier gilt: Die Dosis macht’s, auch wenn es um Information geht.

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