Menschen
Nr. 34

Bildungskarenz aus einer persönlichen Perspektive

Gudrun Weinwurm | Forschungszentrum Energie und Umwelt

Der Teide. Spaniens höchster Gipfel. Sichtbar von nahezu überall. Dominant, schön, gefährlich.

Knapp sechs Monate ohne Technik und Forschung, ohne Stress und Alltag, stattdessen mit viel Zeit und gutem Essen, mit mehr Bewegung und fast nur mit sich selbst – schafft man das?

Nach zehn Jahren Wien und Umgebung sowie einigen beruflichen und privaten Herausforderungen, war es für mich notwendig, wieder Abstand zu bekommen und viel Zeit für mich zu haben. Also war meine Devise: Am Besten in den Flieger steigen und neue Länder entdecken. Die Welt ist groß, die Entscheidung schwer. Doch ich hatte angefangen, Spanisch zu lernen und zu studieren und die Erfahrung hat gezeigt, dass es sich vor Ort leichter lernt. Da meine Bildungskarenz Mitte Februar anfing und ich nie genug Licht und Wärme haben kann, bot sich der südlichste Teil vom europäischen Spanien an.

Die Kanarischen Inseln

Doch wer glaubt, dass Spanien automatisch Sonne und Wärme bedeutet, hat weit gefehlt. Denn ich hatte den kältesten Winter seit 300 Jahren erwischt. Aber wer lässt sich von kühlen Temperaturen die Laune verderben, wenn es üppiges Grün und bunte Blüten, Meeresbrandungen und Bananenplantagen, köstliches Essen und neue Eindrücke dafür gibt? Denn wenn sich die Wolken im Norden von Teneriffa zwischendurch auflösten, dann gab es „von 0 auf 3.718“ Höhenmeter auf einen Blick! Und alle Vegetationszonen. Das hatte schon Alexander Humboldt fasziniert.
Nach vier Wochen Intensivkurs Spanisch rauchte mir der Kopf, ich hatte Teneriffa bewandert, Delphine gesehen, bin dem Massentourismus aus dem Weg gegangen und habe tagelang den Karneval miterlebt – welch Vielfalt, Freude und Lebenslust. Auf zur nächsten Insel: Gran Canaria. Ein kleines Stückchen Erde mit rund 50 km Durchmesser und einer Vielfalt an Landschaft – von Sanddünen über bizarr geformte Gebirge bis hin zu Lorbeerwäldern. Da war die nächste Insel – Fuerteventura – Wüste pur. Doch auch diese kann farbig, vielschichtig und lebendig sein, vor allem aber gepaart mit dem Türkis und Dunkelblau des Meeres. Bei kilometerlangen Spaziergängen am Strand, teilweise ohne eine Menschenseele, ist man plötzlich und endlich wieder bei und für sich.

Der Norden Spaniens

Acht Wochen „Inselleben“ war mir auf Dauer doch etwas „eng“. Also ab nach Hause, kurzer Zwischenstopp, umpacken und nur mit Rucksack wieder ins Land der Vielfalt. Mittlerweile konnte ich schon die wichtigsten Dinge in ganzen Sätzen auf Spanisch sprechen und freute mich riesig, wenn mich jemand verstand und ich meinen Weg fand. Mein Weg – kenne ich den? Bewusst? Folge ich Spuren oder meinem Inneren? Es war an der Zeit, dem nachzugehen. Buchstäblich. Über Bilbao in Pamplona gelandet, machte ich mich zu Fuß entlang des Jakobsweges Richtung Santiago de Compostella auf. Es ging um den Weg. Ziele erreichen konnte ich, sportliche Leistungen vollbringen ebenso, auch Ausdauer hatte ich schon bewiesen, von perfekter (Etappen-)Planung ganz zu schweigen. Religiöse Gründe gab es für mich nicht. Es ging um mich. Man sagt, man erlebt beim Gehen seine eigene Geschichte. Doch wie findet man sich, seinen Weg, seine innere Ruhe, in Gesellschaft tausend anderer Pilger, mit WIFI (wie es in Spanien heißt) an allen Ecken und Enden, auf Wegen, die wenig mit herrlich Wegen in unberührter Natur zu tun haben? Indem man sich auf die Basics besinnen muss: Gehen, Essen, Schlafen. Klingt einfach, führt einem aber seine Grenzen – und seine Eigenheiten manchmal schmerzhaft vor Augen.

Nach rund 450 km innerer Beobachtung, äußeren Eindrücken, Geduld (v.a. mit mir selbst), immer wiederkehrender Offenheit, Freude, aber auch Unwohlsein, war es genug. Ich lernte aufzuhören als es noch ging und Freude machte. Eine ganz neue Erfahrung! Erstaunlich, bewegend, wohltuend und vor allem erfüllend.

Die restliche Zeit genoss ich es, mich durch den Norden Spaniens treiben zu lassen, die Füße in den Sand und ins Meer zu stecken, Spanisch zu plaudern, die Landschaft zu erkunden, die Kühle des „Südens“ zu erfahren – und in die Kulinarik des Landes einzutauchen! Von unaussprechlichem Meeresgetier über „g’standenes“ Essen bis hin zu den vielfältigen, unübertrefflichen, nahezu künstlerisch gestalteten, überaus geschmackvollen und einfach einzigartigen Tapas! Viva la España!

Geht das? Für immer?

Nachdem ich die Prüfungen am Ende meiner Bildungskarenz absolviert hatte, bin ich nun seit acht Monaten wieder zurück im Berufs- und Wien-Alltag. Viel Zeit für mich ist nicht geblieben. Für gutes Essen ist rund um die TU gesorgt (den Spanier in der Apfelgasse kann ich empfehlen). Mehr Bewegung ist beim Bürojob eine Herausforderung (die Gehirnzellen bewegen sich sicherlich mehr als der Rest des Körpers). Der Stress fängt mich immer wieder ein. Wo ist die Ruhe geblieben? Die Siesta/Fiesta? Die Lebenslust? In mir drinnen. Und sie kommen immer wieder hervor, sucht sich ihren Platz, fordert Anerkennung und lässt mich nicht mehr los. Hoffentlich für immer. Ich denke, das geht. Bei mir, bei dir, bei Ihnen, bei uns.

Factbox: Dr. Gudrun Weinwurm

34_M_reise_4_Fuerteventura_20hGudrun Weinwurm ist im Vizerektorat für Forschung für die Forschungskoordination zuständig und leitet das „virtuelle“ Forschungszentrum Energie und Umwelt. Ihre Tätigkeiten umfassen vorwiegend die Vernetzung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Forschungsschwerpunkt Energie und Umwelt an der TU Wien sowie die Betreuung von interdisziplinären Kooperationen mit externen Partner (z.B. Wiener Stadtwerke).

Carneval: Tage- und nächtelange Lebenslust und Freude pur

Carneval: Unkompliziert und fröhlich

Carneval: Für Groß und Klein

Gran Canaria

Gran Canaria. Vielfalt pur.

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