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Nr. 46

Anekdota: Otto Wagner – Maturant am k. k. polytechnischen Institut

Alexandra Wieser | Archiv

Foto: Archiv der TU Wien

Am 11. April 2018 jährt sich Otto Wagners Todestag zum 100. Mal. Mit dem berühmten Architekten assoziiert man in erster Linie prägende Bauwerke der Moderne, wie die Wiener Stadtbahn, die Postsparkasse oder die Kirche am Steinhof. Kaum bekannt ist, dass Wagner den Grundstock seines Wissens unter anderem am k. k. polytechnischen Institut erhielt, der heutigen TU Wien.

Otto Koloman Wagner wurde am 13. Juli 1841 in Penzing (bis zur Eingemeindung 1892 noch ein Vorort von Wien) geboren. Er wohnte mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Emerich in der Seilergasse im ersten Bezirk. Ottos Vater Simeon Wagner, königlich-ungarischer Hofnotar, starb bereits 1846, fortan lebten die Buben nur bei ihrer Mutter Susanna. Trotz finanzieller Einschränkungen sollten die Söhne eine gute Ausbildung erhalten.

Zunächst wurde Otto Wagner einige Zeit von Hauslehrern unterrichtet, dann wechselte er für zwei Jahre ans Akademische Gymnasium in Wien und 1855 schließlich an das von Benediktinern geführte Stiftsgymnasium Kremsmünster in Oberösterreich, das für seine gute humanistische Ausbildung bekannt war. Aber auch hier blieb Wagner nur zwei Jahre; im Sommer 1857 kehrte er nach Wien zurück, um am k. k. polytechnischen Institut zu studieren. Um hier ein Studium beginnen zu dürfen, musste man mindestens 16 Jahre alt sein, eine Schule abgeschlossen haben oder man benötigte – wie heute allgemein üblich – ein Matura- bzw. „Maturitätszeugnis“ nach dem damaligen Sprachgebrauch. Da er kein entsprechendes Dokument besaß und auch den am polytechnischen Institut angebotenen Vorbereitungskurs nicht besucht hatte, musste er die Reifeprüfung noch vor Beginn des Studienjahres ablegen.

In einem Schreiben vom 1. Juli 1857 an die Direktion ersuchte Susanna Wagner, ihrem Sohn Otto, der „4 Gymnasial-Klassen mit gutem Erfolge gemacht hat; sich aber jetzt […] den technischen Studien widmen will, die [Ablegung der] Maturitäts-Prüfung“ zu bewilligen. Auf der Rückseite des Schreibens, das im Archiv der TU Wien erhalten ist, sind die vorgeschriebenen Gegenstände mit den jeweiligen Terminen vermerkt, die Unterschriften der Professoren und nicht zuletzt die Noten. Während Otto Wagner Prüfungen in Zeichnen, Stilistik, Mathematik und Experimentalphysik jeweils mit gutem bzw. sehr gutem Erfolg abschloss, reichte es in Naturgeschichte nur für genügenden Erfolg. Die genauen Modalitäten der Tests sind nicht mehr erhalten. Wagner war nicht der einzige, der um die Zulassung ansuchte – im Protokollbuch der Rektoratsakten aus dem Studienjahr 1857 sind noch mehr als 120 weitere Namen angeführt.

Somit durfte der erst 16-jährige Otto Wagner im Studienjahr 1857/58 am polytechnischen Institut inskribieren. Es herrschte Lehr- und Lernfreiheit, das heißt, die (in dieser Zeit noch ausschließlich männlichen) Studenten konnten Vorlesungen nach ihren Wüschen und Interessen frei auswählen und sich so einen persönlichen Studiengang zusammenstellen. In seinem ersten Studienjahr belegte Wagner Vorlesungen der technischen Abteilung über Elementar-Mathematik, Technologie und Zeichnen, 1858/59 dann Vorlesungen zu Höhere Mathematik, Physik, Darstellende Geometrie sowie Konstruktives Zeichnen. Drei der Lehrenden kannte er schon von der Maturitätsprüfung: den langjährigen Professor für Darstellende Geometrie Johann Hönig, den Mathematiker Josef Kolbe und den Physiker Ferdinand Hessler.

Es war auch damals schon üblich, ein „Auslandsjahr“ einzulegen. So ging Wagner nach zwei Jahren am polytechnischen Institut, wo er kein einziges Baufach inskribiert hatte, nach Berlin an die königliche Bauakademie, um dort sein Wissen zu erweitern. Danach kam er wieder nach Wien zurück, besuchte von 1860 bis 1862 die Architekturklasse der k. k. Akademie der bildenden Künste bei Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg und begann danach seine Karriere als Architekt der Moderne.

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