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Nr. 38

Anekdota: Karl Gölsdorf (1861 – 1916) – Lokomotivkonstrukteur

Alexandra Wieser | Universitätsarchiv

Karl Gölsdorf

2016 jähren sich nicht nur die Todestage von Marie von Ebner-Eschenbach und Kaiser Franz Joseph zum 100. Mal, sondern auch der des Eisenbahnpioniers Karl Gölsdorf.

Am 8. Juni 1861 in Wien geboren, bekam er durch seinen Vater, den Lokomotivkonstrukteur und späteren Maschinendirektor der k.k. Südbahn, Louis Adolf Gölsdorf, schon früh Einblicke in den Lokomotivbau. Bereits während seiner Schulzeit in der Wiedner Oberrealschule fertigte er technische Zeichnungen an. Im Studienjahr 1880/81 inskribierte er an der k.k. Technischen Hochschule (TH) Wien Maschinenbau und absolvierte sein Studium in den vorgegebenen vier Jahren, also quasi in Mindeststudiendauer. Im letzten Jahr belegte er – wie im Studienplan vorgesehen – Vorlesungen zum Eisenbahnbau bei Franz von Rziha. Am 22. Dezember 1884 legte Karl Gölsdorf die Zweite Staatsprüfung mit Auszeichnung ab, beendete damit seine Studien an der TH Wien, und begann seine Tätigkeit in der Maschinenfabrik der österr.-ungar. Staatseisenbahngesellschaft.

1891 wechselte er zu den k.k. Österreichischen Staatsbahnen (kkStB), wo er bereits zwei Jahre später Chefkonstrukteur wurde. Zahlreiche Adaptierungen und Verbesserungen für Lokomotiven gingen auf sein Konto. Eine, für die er sogar über die Grenzen der Habsburger-Monarchie hinaus Bekanntheit erlangte, war die Erfindung der seitenverschiebbaren Kuppelachse für Dampflokomotiven. Diese ermöglichte auch besonders schweren und langen Lokomotiven eine Fahrt auf kurvigen Strecken. Anstatt eines drehbaren Gestells für die Räder bestand Gölsdorfs Lösung in einem starren Rahmen, in dem sich bestimmte Achsen in der Kurve seitlich verschieben konnten. Die erste Dampflokomotive mit eingebauter „Gölsdorf-Achse“ war die Baureihe 170 der kkStB. 1897 erstmals in Betrieb genommen, wurde sie fast 800 Mal produziert.

Im Rahmen seiner Tätigkeiten zeichnete Gölsdorf für die Konstruktion von über 25 Lokomotivtypen verantwortlich, darunter die Baureihe kkStB 310, eine Schnellzugsdampflok, die für den Betrieb auf der Nord-, der Franz-Josefs- und der Westbahn hergestellt wurde und heute noch im Eisenbahnmuseum Strasshof zu bewundern ist.

Gölsdorf war aber nicht nur ein „Praktiker“, er verfasste als Mitherausgeber der Zeitschrift „Eisenbahntechnik der Gegenwart“ einige Aufsätze zur Lokomotivkonstruktion und arbeitete an der „Enzyklopädie des Eisenbahnwesens“ sowie an der „Geschichte der Eisenbahnen der österreichisch-ungarischen Monarchie“ mit – beides Standardwerke des Eisenbahnwesens.

In den letzten Jahren vor seinem Tod war Gölsdorf als Mitglied der Kommission für die Abhaltung der Zweiten Staatsprüfung aus Maschinenbau (Studienjahr 1911/12 bis 1916) der TH Wien erneut verbunden. Sein plötzlicher Tod am 18. März 1916 beendete die Hoffnung auf eine weitere Zusammenarbeit mit seiner Hochschule.

Bildquelle: Archiv des Technischen Museums Wien

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