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Nr. 35

Anekdota: Ein fast vergessenes Organisationsgesetz: Das HOG 1955

Juliane Mikoletzky | Universitätsarchiv

Heute ist an den Universitäten das „UG 2002“ als jüngster Meilenstein der österreichischen Universitätsentwicklung allen Angehörigen ein Begriff; auch seine Vorgänger, das UOG 1993 und vor allem das UOG 1975, das mit der Einführung der Mitbestimmung von „Mittelbau“ und Studierenden einen großen – und nicht unumstrittenen – Schritt zur Modernisierung der Hochschulen gesetzt und die Tür zur „Gruppenuniversität“ geöffnet hat, sind im kollektiven Gedächtnis der Academia noch präsent. Aber das Hochschulorganisationsgesetz (HOG) 1955?

Anlass für seine Erlassung vor 60 Jahren, am 13. Juli 1955, war die außerordentlich unübersichtliche und sachlich zersplitterte Rechtslage im österreichischen Universitäts- und Hochschulrecht in der ersten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Nach Kriegsende 1945 war zunächst die 1940 durch Erlass des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung eingeführte reichseinheitliche Organisation der Hochschulen aufgehoben und die Rechtslage für Österreich auf den Stand vom 13. März 1938 zurückgesetzt worden. Dennoch wurde bald Reformbedarf sichtbar, der zunächst durch weitere Einzelgesetze umgesetzt wurde, was die Übersichtlichkeit nicht erhöht hatte. So galten zum Beispiel für Universitäten und Hochschulen weiterhin unterschiedliche Rechtsnormen.

Daher wurde zunächst versucht, den bestehenden Rechtsbestand zusammenzufassen und zu vereinheitlichen. Das Ergebnis war das HOG 1955, das mit dem Studienjahr 1955/56 in Kraft trat.

Seiner Tendenz nach durchaus restaurativ, schrieb es in vieler Hinsicht die Strukturen der alten „Professorenuniversität“ fest, auch wenn es – ähnlich wie beim UG 2002 – durchaus Spielräume für eigenständige Gestaltung durch die Hochschulen gegeben hätte.

Dennoch brachte das HOG 1955 auch einige wichtige Neuerungen, unter anderem:

  • Die Gleichstellung von Hochschulen und Universitäten in rechtlicher Hinsicht
  • Die Festschreibung der bis dahin niemals gesetzlich geregelten Autonomie der Hochschulen, ebenso wie ihre bedingte Rechtsfähigkeit
  • Die Abgrenzung der Kompetenzen der universitären Organe gegeneinander
  • Die Definition des Begriffs der „Lehrkanzel“
  • Die gesetzliche Verankerung der Österreichischen Rektorenkonferenz

Speziell für die TH in Wien brachte das HOG nicht nur die Zusammenlegung der traditionellen fünf Fakultäten auf drei, sondern auch die endgültige Außerkraftsetzung des Organischen Statuts aus 1875. Damit markiert das HOG 1955 nicht nur das Ende der Nachkriegszeit, sondern in gewisser Hinsicht auch den Abschied vom 19. Jahrhundert.

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