Menschen
Nr. 38

20 Jahre Behindertenbeauftragte an der TU Wien

Marlene Fuhrmann-Ehn | Teaching Support Center

„Interesse“ in Gebärdensprache

Entstehung, Entwicklung und Wandel einer Service- und Kompetenzstelle  

Wie alles begann

Die Positionen der Behindertenbeauftragten an österreichischen Universitäten gehen auf die Aktivitäten betroffener Student_innen zurück, die sich im Rahmen der Österreichischen Hochschüler_innenschaft organisiert haben und für ihre Belange aktiv geworden sind. Mit der schulischen Integration von behinderten Schüler_innen in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts kamen in den Neunzigerjahren die ersten Student_innen mit Behinderungen an die Universitäten. Die Österreichische Hochschüler_innenschaft richtete Behindertenreferate ein. An der Universität Linz startet 1991 der „Modellversuch Informatik für Blinde“.

An der Technischen Universität Wien gab es bereits eine lange Tradition der Auseinandersetzung mit dem Thema des „gleichberechtigten Studienzuganges für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen“. 1993 wurde an der TU Wien die „Kommission zur Förderung und Integration behinderter Angehöriger der Technischen Universität Wien“ eingerichtet. Vorsitzender der Kommission war Univ. Prof. Dr. Wolfgang Zagler. Nach der Vollrechtsfähigkeit der Universitäten 2004 wurde die Behindertenkommission in“ Behindertenbeirat“ umbenannt. Der Beirat war bis 2009 aktiv.

1995 brachte das Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Salzburg erstmals eine Studie zur Situation Studierender mit Behinderung an österreichischen Universitäten heraus (Fuchs, Wetzel 1995). Die Ergebnisse dieser Studie führten dazu, dass das Wissenschaftsministerium Planstellen für Behindertenbeauftragte an österreichischen Universitäten einrichten lies. An der TU Wien gibt es die Position der Behindertenbeauftragten seit März 1996. Etwa zur gleichen Zeit wurden auch Behindertenbeauftragtenstellen an der Universität Wien und an den Universitäten in Graz, Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck eigerichtet.

Die erste Behindertenbeauftragte der TU Wien, Mag. Ruth Hammerschmid, hatte diese Position bis Dezember 2001 inne. Marlene Fuhrmann-Ehn hat ihre Tätigkeit an der TU im September 2002 aufgenommen.

Aufgabenbereiche der Behindertenbeauftragten

  • Entwicklung und Ausbau des Beratungsangebotes für die Zielgruppen
  • Beratung und Information behinderter oder chronisch kranker Studierender und studieninteressierter Personen in allen Fragen, die im Zusammenhang mit Behinderung oder chronischer Erkrankung und dem Studium stehen
  • Individuelle Beratung und Unterstützung von Studierenden im Studienalltag
  • Fachliche Begleitung und Koordination von Nachteilsausgleichen und Unterstützungsleistungen
  • Kommunikation des Angebots und Setzen von Sensibilisierungsmaßnahmen zum Thema Menschen mit Behinderungen an Universitäten und Hochschulen in allen universitären Bereichen und Organisationseinheiten
  • Mitwirkung an und Durchführung von Forschungsprojekten, die für behinderte Menschen relevante Fragestellungen zum Thema haben
  • Vernetzung, Austausch und Zusammenarbeit mit den jeweiligen Beratungsstellen anderer nationaler und internationaler Universitäten und Fachhochschulen

Von der baulichen Barrierefreiheit zur inklusiven Lehre

In den ersten Jahren bedeutete das vor allem dafür zu sorgen, dass die TU Wien barrierefrei zugänglich wurde. Es ging darum, barrierefreie Gebäude und Infrastruktur zu schaffen. Damit hat die Behindertenkommission, unterstützt durch die Arbeit der Behindertenbeauftragten, sehr rasch begonnen und vieles konsequent und relativ rasch umgesetzt. Dieser Prozess dauert heute noch an. Man kann davon ausgehen, dass ca. 80 Prozent der Gebäude und Infrastruktur der Technischen Universität für Personen mit Behinderung zugänglich und benutzbar sind.

Alle Organisationseinheiten sind entscheidend

Der nächste Schritt war dann, alle universitären Organisationseinheiten und vor allem auch die Lehrenden der TU Wien für das Thema „Studieren mit Behinderung“ zu sensibilisieren, um für die betroffene Personengruppe auch die Unterstützung der Lehrenden zu bekommen.

Die Lehrenden

Ein annähernd barrierefreies Umfeld hatte natürlich auch zur Folge, dass Studierende mit Behinderungen an die TU Wien kamen und am Unterricht teilnahmen. Laut Studierendensozialerhebung 2011 fühlen sich an der TU Wien 12 Prozent der Studierenden im Studium gesundheitlich beeinträchtigt, 7 Prozent davon sehr. Die größte Gruppe der Beeinträchtigten sind mit 4 Prozent die Studierenden mit psychischer Beeinträchtigung. Der gleichberechtigte Studienzugang von Studierenden mit Behinderungen ist im UG festgehalten. Bei dessen Umsetzung spielen die Lehrenden eine wesentliche Rolle. Durch Ihre Bereitschaft wird der gleichberechtigte Studienzugang überhaupt erst möglich.

Lehrende müssen dazu bereit sein, für behinderte Studierende Lehrveranstaltungs-unterlagen vor Beginn der LVA unbürokratisch zur Verfügung zu stellen, damit z. B. sehbehinderte oder schwerhörige Studierende mit den Unterlagen arbeiten können. Sie müssen bereit sein, die Anwesenheit von Gebärdensprachdolmetscher_innen oder eine eventuelle LVA-Aufzeichnung zu akzeptieren. Sie müssen auch bereit sein, andere Prüfungsmodalitäten zu erarbeiten und zuzulassen. Bei Studierenden mit sichtbaren Behinderungsformen, wie z. B. bei Studierenden im Rollstuhl, funktioniert das meistens problemlos. Bei Studenten mit nicht sichtbaren Behinderungsformen, wie chronische oder psychische Erkrankungen, kann es zur Herausforderung für alle Beteiligten werden, die richtige Vorgehensweise zu finden, um diese Studierendengruppe adäquat zu unterstützen.

GESTU – Gehörlos erfolgreich Studieren

Ab 2006 kamen immer wieder gehörlose Personen an die TU Wien, um hier in unterschiedlichen Fächern (Architektur, Raumplanung und Informatik) ein Studium zu beginnen. Aus den Erfahrungen, die mit diesen Studierenden im Studienalltag gesammelt wurden, und aus dem Wissen darüber, dass gehörlosen Studierenden ein gleichberechtigter Studienzugang nur durch die Vermittlung der Studieninhalte in Österreichischer Gebärdensprache möglich ist, stimmte das Rektorat der TU Wien dem Vorschlag zu, einen zweijährigen Modellversuch GESTU im Auftrag des Wissenschaftsministeriums durchzuführen.

Der Modellversuch ist inzwischen zu einer Servicestelle (wiederum unter dem Namen GESTU) geworden. Die Servicestelle koordiniert und organisiert die Studienunterstützung für gehörlose und schwerhörige Studierende des gesamten tertiären Bildungsbereiches in Wien. Diese Maßnahme ist österreichweit die einzige dieser Art und hat den Studienzugang für diese Personengruppe wesentlich verbessert.

Neueste Entwicklungen

Bereits zu Beginn des Modellversuchs GESTU hat sich herausgestellt, dass in der Österreichischen Gebärdensprache Fachgebärden auf akademischem Niveau oftmals fehlen. Deshalb mussten diese in den Lehrveranstaltungen von den Studierenden und Dolmetscher_innen oft spontan entwickelt werden. Diese Vorgehensweise wurde nun professionalisiert. Ein Team aus gebärdensprachigen Studierenden, Absolvent_innen und Dolmetscher_innen hat Fachgebärden aus verschiedenen Studienrichtungen, wie Molekulare Biologie, Vergleichende Literaturwissenschaft, Informatik etc. gesammelt, wo nötig neu entwickelt und wissenschaftlich begleitet. Alle in diesem Rahmen entstandenen Fachgebärdenvideos sind auf einer eigens dafür entstanden Fachgebärdenplattform zu finden. Diese Plattform ist seit 1. März 2016 auch öffentlich zugänglich: http://fachgebaerden.tuwien.ac.at

Künftige Aufgaben

Wie schon oben erwähnt, nimmt in den letzten Jahren die Gruppe der Studierenden mit chronischen und psychischen Erkrankungen immer stärker zu. Der wichtigste Schritt ist daher, die Personengruppe möglichst zu Beginn ihres Studiums zu erreichen, unser Unterstützungsangebot zu kommunizieren und dieses weiter auszubauen.

Eine wichtige Frage wird in Zukunft auch die des gleichberechtigten Zugangs zu Aufnahme-verfahren sein.

Um für unsere Zielgruppe(n) auch in Zukunft den gleichberechtigten Studienzugang anbieten zu können, ist es notwendig, in unserer Arbeit auf allgemeine Entwicklungen im Universitäts- und Studienbereich zu reagieren und allgemeine Standards zu entwickeln. Gleichzeitig müssen wir auch auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen behinderten Studierenden eingehen.

Dass unsere Arbeit bisher so gut gelungen ist und auch weiter gelingen wird, dafür sei der Universitätsleitung, den Lehrenden, der GUT, den Kolleg_innen in der Bibliothek, den Kolleg_innen in der Verwaltung und allen Kolleg_innen des Hauses sehr herzlich gedankt.

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